Atemlos durch die Bahamas (frei nach Helene) 05.03.-13.03.2018

Zwei weitere Tage müssen wir im Rock-Sound ausharren. Es zieht noch eine Kaltfront vorbei und bringt Winde aus westlichen Richtungen. Außerdem tobt über dem Nord-Atlantik ein Wintersturm, der riesige Wellen produziert. Der hohe Schwell hat Auswirkungen bis zu uns in den Bahamas. Weil wir uns an die geschütztere NW-Seite des Rock-Sounds verholt haben, ist der Weg zum Dingi-Dock sehr weit und wäre vor allem auf dem Rückweg wieder extrem ungemütlich. Wir bleiben also lieber an Bord.

Am Montag, 05.03. um 7.50 Uhr heißt es dann endlich wieder „Anker auf“. Gemeinsam mit der „Quandary“ segeln wir über den 2000 Meter tiefen Exuma-Sound nach „Wardrick Wells“ in die Exumas. Nur am Morgen muss der Motor für knapp 2 Stunden einmal herhalten, danach kommt sogar unser Parasailor-Spinnaker wieder einmal an die frische Luft. Ungefähr 10 Seemeilen bevor wir in den Cut zwischen den Inseln einfahren, rufen wir über Funk die Ranger des „Exuma Land-and Sea-Parcs“, zu deren Territorium die Insel Wardrick Wells gehört. Wir haben Glück und bekommen die letzte freie Ankerboje im nördlichen Ankerfeld zugeteilt.

Schon bei der Einfahrt am Nachmittag verschlägt es uns fast den Atem. Die verschiedenen Wasserfarben hier sind phänomenal. Der Streifen mit tiefem, dunkelblauem Wasser ist schmal und die Boote liegen wie an der Schnur gezogen an den Bojen in der Fahrrinne. Wir müssen die Leinen zur Ankerboje sehr kurz halten, damit wir nicht mit dem Ruder aufsetzen, wenn sich die Step By Step mit der Strömung dreht. Sofort nach dem Festmachen springt Robin begeistert ins Wasser, stellt aber schnell fest, dass die Strömung auch jetzt zum Wechsel zwischen Ebbe und Flut noch recht stark ist und große Vorsicht angesagt ist.

Am nächsten Morgen bezahlen wir im Office 40,- US-$ für 2 Übernachtungen an der Boje. Das „Eintrittsgeld“ für die Insel ist da schon drin. Zusammen mit Vivianne und Tom gehen wir die Insel erkunden und kommen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Der Trail führt uns durch Mangroven, vorbei an tiefen Löchern (in die nur Robin hinabsteigen möchte), an der Atlantikküste der Insel entlang. Und immer wieder bieten sich uns tolle Ausblicke. Das Highlight ist die Aussicht vom höchsten Punkt der Insel „Boo-Boo-Hill“. Wir können uns kaum satt sehen – die Farben sind unglaublich. Dies ist auf jeden Fall einer unserer absoluten Lieblingsorte.

Der Sage nach, ist viele Jahre zuvor vor der Insel ein Schoner auf ein Riff gelaufen. Alle Segler starben bei dem Unglück. Wenn man nun in Vollmondnächten zu Mitternacht auf Boo-Boo-Hill steht, hört man die Seelen der Verstorbenen singen. Das ist gruselig, oder? Wie stimmt man nun Neptun gnädig? Ganz einfach: Mit einer Opfergabe! Man nehme ein Stück Treibholz, welches man auf der Insel findet; versehe es mit dem eigenen Schiffsnamen und deponiere es auf dem bereits vorhandenen riesigen Stapel oben auf Booboo-Hill. Wir haben Glück und finden ein passendes Stück Holz auf unserer Wanderung und unsere Freunde haben einen Edding-Stift dabei. Wir können Neptun unser Opfer bringen.

Hier oben gibt es auch einige Blowholes. Das sind Löcher in den Felsen, die eine Verbindung zu Hohlräumen am brandenden Meer an der Küste haben. Wenn die Wellen nun auf die Felsen treffen, verdrängt das Wasser die Luft aus diesen Hohlräumen und presst sie durch die Blowholes heraus. Dabei entsteht ein ganz schöner Luftzug. Manchmal spritzt auch eine Wasserfontäne heraus.

Die Mütze habe ich über das Blowhole gehalten; sie fliegt bis an den Bildrand.

Am Strand liegt das Walskelett eines 16-Meter langen Pottwals, der an einer verschluckten Plastiktüte verendet ist.

Nachmittags gehen wir noch mit Vivianne und Tom zum „Rangers Garden“ schnorcheln, Wir sehen viele Korallen, einen Ammenhai und ein paar andere Fische, aber die Strömung ist relativ stark und das Schnorcheln damit ziemlich anstrengend.

Am Mittwoch, 07.03. geht es weiter in den Pipe Creek nach Thomas Cay.

Gegen den Wind muß man kreuzen

Die Fahrwasser hier sind extrem eng und flach. Die „Quandary“ war schon mal hier und übernimmt bei der Einfahrt am Compass Cay die Führung. Wir schleichen hinterher. Ganz sicher dürfen wir uns nicht fühlen, denn wir haben immerhin 40 cm größeren Tiefgang als die „Quandary“. Wir halten ein paar Mal die Luft an und alles geht gut. Bereits gegen 11.45 Uhr fällt der Anker.

Die Betonnung im Creek ist übrigens an den meisten Stellen nicht vorhanden

Wir wundern uns, dass trotz des engen Fahrwassers so viele Schiffe den Weg in den Pipe Creek gefunden haben. Vielleicht liegt es daran, daß wieder einmal Westwind vorhergesagt ist und der Pipe Creek ist einer der wenigen Plätze in den Exumas, der gegen diese Windrichtung geschützt ist. Am Nachmittag erkunden wir mit dem Dingi die nähere Umgebung. Die meisten der kleinen Inselchen sind privat und ein Betreten nicht gestattet.

Bei der Gelegenheit fahren wir auch am „Thomas Cay Cut“ vorbei. Hier wollen wir morgen raus auf den Exuma-Sound, um weiter nach Süden zu fahren. Schon von weitem sehen wir die Brecher in der Durchfahrt und schlucken. Nein! Hier versuchen wir das morgen früh erst gar nicht.

Obwohl der Wetterbericht relativ instabiles Wetter mit Squalls und frischen Westwinden um 20 kts ankündigt, geht es am Donnerstag, 08.03. weiter. Wir wollen zunächst 23 sm nach „Little Farmer Cay“ zurücklegen. Abhängig von der Uhrzeit und von den Bedingungen, die wir dann dort im Cut vorfinden, bleiben wir entweder da oder wir fahren durch den Cut und außen herum nach Lee Stocking Island. Wir brauchen einen Ankerplatz, der vor den auffrischenden Winden aus NW etwas Schutz bietet.

Die Ausfahrt aus dem Pipe Creek heraus ist wieder spannend. 1,70 Meter Wassertiefe ist das Minimum auf unserem Echolot, welches wir sehen. Das sind nur noch 40 cm unter unserem Kiel. Anschließend geht es zügig mit halbem Wind weiter. Schon um 11.30 Uhr sind wir am Cut. Die Quandary macht es vor und fährt unter Segeln bis vor den Cut, der hinter Little Farmers Cay liegt. Da wollen wir natürlich feige sein und tasten uns auch nur mit Windkraft durch die flachen Gewässer. Das Wasser im Cut ist ruhig. Wir segeln durch und fahren weiter.

Die Ausfahrt aus dem Pipe Creek

Kaum sind wir draußen auf dem Exuma-Sound, taucht hinter uns eine schwarze Wolke auf und der Wind nimmt auf 20 Knoten zu. Wir reffen das Großsegel und schalten das Radar ein. Da sind sie! Die vorhergesagten Squalls! Aber wir haben Glück und unser Timing ist nahezu perfekt. Dieser und auch alle folgenden Regen-Squalls am Nachmittag ziehen mit einem Abstand von ca. 2 sm hinter uns durch. Wir bekommen zwar ein paar Böen ab, aber nass werden wir nicht. Wären wir 30 Minuten später losgefahren, hätten die uns alle erwischt.

Abends ankern wir vor dem verlassen NOAA-Forschungsgelände mit vielen anderen Schiffen. Gegen NW-Wind geschützte Ankerplätze sind halt rar. Diesmal führen wir die Quandary durch den Adderly Cut, weil wir schon mal hier waren.

Am Freitag, 09.03. nehmen wir dann die letzte Etappe nach Georgetown. Beim Segelsetzen vergesse ich eine Klemme zu öffnen. Wir hatten gestern gerefft und unsere „Segel-Bergeleine“, mit der wir das Segel vom Cockpit aus herunterziehen können, geht stramm. Obwohl ich mich wundere, dass es so schwer geht, ziehe ich noch ein Stückchen mit der Elektrowinsch. Als Anja gerade vorne nachsehen will, gibt es schon einen lauten Knall. Was war passiert? Der Tauwerkschäkel, mit dem der Umlenkblock der Leine am Mast befestigt war, ist das schwächste Glied gewesen und wurde von einer scharfen Kante gekappt. Der Block ist mit Wucht gegen den Mast geschlagen (der laute Knall) und die Rolle ist gebrochen. Sonst ist nichts passiert, aber trotzdem ärgerlich. Vor allem, weil das Segel wegen des schwachen Windes heute nur für 6 sm zum Einsatz kommt. Den Rest müssen wir motoren.

Gerade als der Wind wieder ein wenig zunimmt, erreichen wir die Einfahrt nach Georgetown. Die Quandary ist ein Stück vor und nimmt die Segel herunter. Wir kennen die Einfahrt vom letzten Mal und wollen hinein segeln. Erst als der hohe Aufbau der Quandary komplett in den Wellentälern verschwindet, merken wir welch ein gigantischer Schwell hier herrscht. Was ist denn hier los? Jetzt sehen wir auch die Wellen, die sich weiter vorne auf unserer Kurslinie brechen. Wir schnibbeln die Kurve nämlich etwas und halten uns nicht ganz auf der empfohlenen Kurslinie.

Oups! Nichts wie ab in den Wind, Segel bergen und dann mit Maschine auf die empfohlene Linie zurück. Bei dem Schwell handelt es sich wohl um die Reste des Atlantik-Sturmes von Anfang der Woche. 3 Meter hoch steht er jetzt hier. Zurück auf der empfohlenen Kurslinie ist alles wieder in Ordnung. Wir surfen zwar noch ein wenig ins Wellental und als wir abbiegen, bekommen wir die Wellen seitlich bis wir vollständig in der Abdeckung des Riffs sind, aber da klappern nur noch ein paar Teller in der Pantry. Wir haben nämlich schon wieder nicht vor der Abfahrt gespült. 🙂

Um 13.55 Uhr fällt der Anker vor der Volleyball-Beach. Wir liegen dieses Mal deutlich weiter hinten. Es sind mehr als doppelt so viele Schiffe hier wie beim letzten Mal vor 3 Wochen. Insgesamt ankern hier inzwischen um die 300 Schiffe. Im Moment ist aber auch Cruising Regatta hier, ein 14-tägiges Event, welches jedes Jahr um diese Zeit stattfindet und viele Aktivitäten bietet. Robin findet seinen Freund Todd wieder und bekommt dieses Mal auch so richtig Lust auf Volleyball spielen. Kaum eine Runde lässt er an den Nachmittagen aus und findet so auch viele Freunde unter den erwachsenen Seglern.

Diesmal ankern wir weiter draußen
Volleyball jeden Tag
Schönheitssalon in Georgetown

Derweil treffen wir hier auch die „Jade“ der Amerikaner Michelle und Pat wieder, die wir ebenfalls aus Fort Pierce kennen. Außerdem lernen wir die deutschen Boote „Mora“ mit Monika und Ralph und „Kyla“ mit Margit und Joachim kennen. Leider haben die Kyla und die Mora andere Pläne als wir und wollen via Puerto Rico weiter nach Süden, während wir ja nun geplant haben, nach Kuba zu segeln.

Wir überlegen hin und her:

Kuba würde für uns bedeuten, dass wir uns wieder von der „Quandary“ trennen müssten, die ab hier zurück Richtung Norden segelt – wir fühlen uns aber in Gesellschaft viel wohler. Für Kuba bräuchten wir einige Tage absolut sicheres Wetter mit reinem Ostwind für die Fahrt durch die Ragged Islands – das ist momentan nicht so richtig abzusehen. Außerdem haben wir festgestellt, dass Kuba für uns nur interessant ist, wenn wir bis nach Havanna fahren – das ist noch ziemlich weit und erfordert auch eine mehrtägige Non-Stopp-Fahrt nach Westen – Non-Stopp-Fahrten haben wir auf der Rückfahrt nach Europa von Mai bis Juli noch ausreichend vor uns. Außerdem müssten wir dann Mitte April den ganzen Weg von Havanna gegen den Wind nach Osten und unter Zeitdruck zurück. Weiterhin werden unsere lieben Freunde von der „Eleonore“ auch nicht nach Kuba kommen – in den Bahamas jedoch können wir wahrscheinlich ein Treffen arrangieren. Ihr merkt schon, wo unser Herz hängt:

Eine PLANÄNDERUNG ist fällig! Havanna werden wir in den nächsten Jahren einmal mit dem Flugzeug besuchen. Jetzt bleiben wir mit der „Quandary“ in den Bahamas und fahren mit unseren Freunden gemeinsam langsam zurück in den Norden. Als wir der „Jade“ unsere Planänderung mitteilen, ändern Michelle und Pat ebenfalls Ihre Vorhaben und schließen sich auch an. Super! Jetzt sind wir schon zu dritt!

Unsere mittelfristigen Pläne haben wir hier im Blog noch gar nicht kommuniziert: Wir wollen Ende April/Anfang Mai ganz im Norden der Bahamas in Marsh Harbour fertig sein und auf ein Wetterfenster warten, damit wir die rund 750 sm nach Bermuda segeln können. Vor dort geht es weitere rund 1800 sm zu den Azoren, bevor wir dann den letzten etwa 1100 sm-langen Schlag zurück zum europäischen Festland wagen. Im August hoffen wir dann wieder zu Hause zu sein. Gerne würden wir diese langen Strecken mit anderen Schiffen gemeinsam bewältigen. Sollte jemand ähnliche Pläne haben, freuen wir uns über eine Kontaktaufnahme.

Aber noch haben wir hier spannende Ziele vor uns: „Long Island“ zum Beispiel. Mittwoch soll es zusammen mit der „Jade“ und der „Quandary“ losgehen.

[ssba]

4 Kommentare

  • Annika

    18. März 2018 at 10:54 Antworten

    Mit ist quasi die Kinnlade nach unten gefallen… Wie wahnsinnig schön ist bitte das Wasser?! 😍

    Und es war ja irgendwie klar, dass nicht alles glatt läuft… Arme Step by Step.

    Ich drücke euch die Däumchen für eure Pläne. Und es ist auch doch beruhigend zu wissen, dass ihr nicht „ganz alleine“ durch die Gegend segelt. 🙂

    • Andre Schulz

      18. März 2018 at 12:40 Antworten

      Mmh! Was meinst Du denn mit „nicht alles ganz glatt läuft“? Die stornierten Kuba-Pläne?

      • Annika

        18. März 2018 at 15:14 Antworten

        Damit meine ich den „Knall“ 😉

        • Andre Schulz

          18. März 2018 at 22:38 Antworten

          Ach so! Das war aber nichts Schlimmes! Alles wieder repariert.

Post a Reply to Andre Schulz Cancel Reply