Auf der Suche nach der „richtigen“ Karibik

Am nächsten Morgen (10.02.2017) machen wir uns bereits um kurz nach 6  Uhr auf den 40 sm weiten Weg von Guadeloupe nach Antigua. Wir hoffen, dass wir mit dem aktuellen Wind direkt „English Harbour“ oder „Falmouth Harbour“ im Süden Antiguas anlaufen können. Sonst müssen wir nach „Jolly Harbour“ an die Westküste und damit noch ca. 7 sm weiter.

Wir haben Glück, denn wir können direkten Kurs „English Harbour“ anlegen. Anfangs haben wir wieder kurze und steile Wellen. Später wird es immer angenehmer und wir können sogar für ca. 1 Stunde das Reff im Großsegel rausnehmen. Und die Windrichtung stimmt. Dann dreht sich das Blatt ziemlich schnell und der Wind steigt stetig bis auf ca. 26 kn. Ein Squall zieht über uns hinweg und wir müssen uns ziemlich beeilen, die Segel zu verkleinern, bis wir schließlich mit 2. Reff in Groß und Genua unterwegs sind. Nach 30 – 45 Minuten ist der Spuk wieder vorbei und der Wind wieder weg. Leider bleibt uns die Welle erhalten und das Großsegel schlägt fürchterlich. Wir motoren die restlichen 3,5 sm nach English Harbour und drehen eine Runde durch den Hafen und die Freeman’s Bay.

Eigentlich gefällt es uns hier ganz gut, aber es ist bereits ziemlich voll. Wir versuchen es trotzdem und werfen den Anker in der Nähe einer der Fahrwasserbojen. Leider ist es dann aber doch zu eng und wir entscheiden, weiter in die benachbarte Falmouth Bay zu fahren, in der auch die Eleonore ankert.

Einklarieren müssen wir morgen. Die mehrfachen Ankermanöver haben doch zu viel Zeit gekostet und das Office in Nelson’s Dockyard in English Harbour hat nun geschlossen.

Dazu ein kleiner geschichtlicher Exkurs: English Harbour ist ein sehr bedeutender, hurrikansicherer  Naturhafen, der 1671 erstmals von den Engländern benutzt und ab 1743 als Kriegshafen intensiv ausgebaut wurde. Im 18. und 19. Jahrhundert galt er als der bedeutendste Marinestützpunkt Großbritanniens auf den Kleinen Antillen. Nelson’s Dockyard (benannt nach dem früher hier stationierten Befehlshaber Lord Admiral Horatio Nelson) ist eine historische Hafenanlage in English Harbour. Die Gebäude wurden restauriert und werden heute als Freilichtmuseum touristisch genutzt (Hotel, exklusiver Yachthafen, Bars, etc.).

Leider haben wir übersehen, dass wir ziemlich nah an einer der zahlreichen Untiefen ankern und wir hoffen, dass der Wind nicht dreht und wir noch weiter in Richtung Untiefe schwojen.

Wir sind doch etwas unruhig und am frühen Morgen beschließen wir, den Anker noch einmal aufzunehmen und den Ankerplatz zu wechseln. Wir finden ein schönes Plätzchen im Nordwesten der Bucht.

Danach macht sich Andre auf den Weg zum Einklarieren. Die behördlichen Formalitäten sind ziemlich zeitaufwendig und mit diversen Gebühren auch ziemlich kostspielig. Den Rest des Tages vertrödeln wir an Bord.

Im Laufe des Tages kommen auch die Diana, Joemi und Croix du Sud an. Unsere deutsche Reisegruppe ist wieder komplett.

Am Sonntagnachmittag (12.12.2017) machen wir uns mit der Crew der Croix du Sud auf den Weg nach Shirley Heights, einen kleinen Berg (ca. 150m hoch), auf dem jeden Sonntag ein Barbecue mit Musik stattfindet. Da wir nicht wissen, wie lang und anstrengend der Weg ist und es noch ziemlich warm ist, nehmen wir ein Taxi. Leider ist dies wohl der offizielle Touristen-Nepp-Weg, denn wir zahlen oben noch „Eintritt“ von 10US$. Die Crew der Entropy kommt später zu Fuß über einen Weg auf der anderen Seite des Geländes nach und muss nichts zahlen, weil dort niemand kassiert.

Der Ausblick über English Harbour und die Falmouth Bay ist toll und der Abend wirklich gelungen. Eine sehr schöne Location. Es hat sich auf jeden Fall gelohnt.

Am nächsten Tag (13.02.2017) machen wir uns zusammen mit der Diana auf den Weg an die Ostküste in die Nonsuch-Bay. Es ist nur ein kurzer Weg von 10 sm und Robin fährt auf der Diana mit. Wir haben nur sehr wenig Wind und motoren die Strecke.

Wir ankern hinter der kleinen Insel „Green Island“ direkt am Riff.

Das Wasser ist hier, wie bereits in der Falmouth Bay, nicht 100%ig klar und wir können den Grund in 6 m Tiefe nur erahnen. Dafür hat Green Island ein paar kleine sehr schöne Strände. Am nächsten Tag kommen auch die anderen befreundeten Boote nach und wir verbringen ein paar entspannte Tage mit schnorcheln, sonnen, entspannen und Sundowner am Strand.

Nach 4 Tagen zieht es uns weiter. Wir möchten an die Westküste Antiguas und fahren daher zunächst zurück nach Falmouth Bay. In wenigen Tagen startet hier das „Caribbean 600“-Rennen und wir können neben den vielen Superyachten (eine davon sogar mit eigenem Hubschrauberlandeplatz) auch viele Racing-Boote bewundern. Auf jeden Fall ist hier richtig was los.

Wir nutzen die Gelegenheit, in den 2 Supermärkten noch einmal frisches Obst und Gemüse zu kaufen. In vielen Buchten ist nun mal wirklich gar nichts zu bekommen.

Samstag gibt es im Antigua Yacht-Club eine Welcome Party für die Teilnehmer der Caribbean 600 mit Live-Musik. Nach dem offiziellen Teil können auch die Nicht-Teilnehmer auf das Gelände. Die Musik ist leider so laut, dass jede Unterhaltung völlig unmöglich ist und sich die Kinder schon die Ohren zuhalten. Wir gehen mit den Crews der JoEmi, Eleonore und Croix du Sud lieber in einem ruhigen Restaurant noch was essen und trinken.

Am Sonntag (19.02.2017) fahren wir zusammen mit der JoEmi zunächst nach Darkwood Bay. Dieser Ankerplatz wurde uns als besonders schön empfohlen und wir wollen dort einen Mittags-Schwimm-Stopp einlegen. Die Bucht ist ganz nett: schöner Strand, auch hier trübes Wasser in schönen Farben. Diese Bucht scheint am Wochenende vor allem bei vielen Einheimischen sehr beliebt zu sein. Die Jet-Skis werden ausgiebig genutzt. Einige der Fahrer haben nichts Besseres zu tun, als ihre Runden um die JoEmi und uns zu drehen und dabei ihre Kreise immer enger zu ziehen. Unsere Schiffe schaukeln und wir sind etwas genervt. Nach einer weiteren ½ Stunde reicht es uns und wir holen den Anker auf.

Wir fahren noch 2 sm weiter nach Jolly Harbour und ankern dort in der Bucht „The Cove“. Auf den ersten Blick sieht es auch hier wieder richtig schön aus. Leider muss der geplante Strandbesuch ausfallen, da ein Anlanden mit dem Dinghy aufgrund der Wellen nicht möglich ist. Das Wasser ist völlig trüb.

Stattdessen machen wir uns mit dem Dinghy auf den Weg in den Hafen, um uns dort noch ein bisschen umzusehen. Der Weg ist ganz schön weit und als wir uns am Dinghy-Dock festmachen, wird es bereits dunkel. Wir schlendern durch den Hafen, in dem es einige schöne Restaurants und eine Bar, diverse kleine Läden und eine Chandlery gibt. Einige Meter weiter kommen wir an einen großen  Supermarkt. Er ist nicht ganz billig, aber mit sehr gutem Angebot.

Im Dunkeln machen wir uns auf den Rückweg. Im Schein der Taschenlampe sehen wir viele Fische durchs Wasser springen. Kurz bevor wir unser Schiff erreichen, noch ein bisschen Aufregung. Ein Fisch ist ins Boot und auf Andres Knie gesprungen. Dabei hat er sich so erschrocken, dass er das Ruder rumgerissen und uns damit fast zum Kentern gebracht hat.

Der Montag vergeht wieder wie im Fluge. Wir machen Schule und Andre wechselt die Stromkabel unseres Wassermachers gegen dickere aus, da die alten Kabel bei längerer Nutzung immer ziemlich heiß wurden.

Am Nachmittag wollen wir schnorcheln, aber wie bereits an mehreren Ankerplätzen auf Antigua ist auch hier das Wasser trüb und wir können kaum unsere Hände und Füße sehen. Wir fahren mit dem Dinghy bis zur benachbarten Bucht „Five Islands Harbour“. Überall das gleiche Bild: schöner Strand, viel Welle, trübes Wasser. Wir geben auf.

Und mal wieder fragen wir uns: wo ist denn nun die richtige Karibik? Also die, die wir uns bisher immer so vorgestellt haben: Palmen, weißer Strand, türkisfarbenes kristallklares Wasser. All die Bilder, die wir in den 80er Jahren auf zahlreichen Fototapeten in diversen Kellerbars bewundern durften. Nach ca. 2,5 Monaten Karibik müssen wir uns wohl eingestehen, dass wir vielleicht etwas naiv und klischeehaft gedacht haben. Die Karibik, die wir bisher kennengelernt haben, ist sicherlich vieles, aber nicht unbedingt das, was wir uns darunter vorgestellt haben. Nichts desto trotz ist es immer wieder erstaunlich, wie sehr sich die einzelnen Inseln voneinander unterscheiden. Jede hat ihren besonderen Reiz. Und Palmen, so haben wir inzwischen gelernt, kommen in der Karibik eigentlich natürlich gar nicht vor. Vielmehr wurden diese nach der Entdeckung durch Kolumbus „künstlich“ angelegt.

Der nächste Tag startet mit mehr Wind und Regen. Wir bleiben vorsichtshalber an Bord. Die JoEmi und auch die Pierina verlegen sich an Moorings bzw. vor Anker direkt vor den Hafen. Dort ist es geschützter und ruhiger. Da wir am nächsten Tag weiter wollen, entscheiden wir, liegen zu bleiben.

Auch die Nacht ist ziemlich schwellig und ungemütlich. Mehrfach werden wir durch den Ankeralarm aus dem Schlaf gerissen. Aber der Anker hält wie immer vorbildlich.

Am Mittwoch (22.02.2017) verholen wir in die 4 sm nördlich gelegene Bucht „Deep Bay“. Hier liegt das Wrack der „Andes“, eines 1905 aufgrund eines Feuers vor Anker gesunkenen Dreimasters.

Wir sind neugierig und da das Wasser hier nicht sehr tief ist, reicht das Wrack bis dicht an die Oberfläche, der Bug und auch die Maststumpfen sogar darüber. Wir versuchen das Wrack schnorchelnd zu erkunden, aber auch hier gibt es kein klares Wasser und wir können nur wenig sehen. Trotzdem stellt sich ein ehrfürchtiges Gefühl ein, als der Schatten aus dem Nichts auftaucht.

Ansonsten ist auch diese Bucht sehr schön.

Am Nachmittag sind wir zum Sundowner bei Inge und Jörg eingeladen, einem deutschen Paar, das ebenfalls auf Ihrem Katamaran unterwegs ist.

Der nächste Tag beschert uns eine gemütliche Überfahrt nach Barbuda. Hierbei sehen wir auch unseren ersten Wal. In ca. 500 Metern Entfernung sehen wir immer wieder seine Wasserfontänen und auch einige Sprünge können wir bewundern. An der Südküste von Barbuda werden wir zum ersten Mal mit Riff-Navigation konfrontiert. Überall gibt es größere Riffe, kleinere Felsen oder Korallenköpfe, die bis dicht unter die Wasseroberfläche reichen. Längst nicht alle Untiefen sind laut unserem Törnführer in den Seekarten eingezeichnet. Wir erreichen gegen Mittag das große Palaster-Riff und tasten uns vorsichtig von Westen im Zick-Zack-Kurs zum „Spanish Point“ vor. Spannend!! Mit polarisierender Sonnenbrille sieht man definitiv besser als mit einer Normalen.

Eine Stunde später ankern wir in kristallklarem Wasser auf 2,10 m. Wir sehen Rochen unter unserem Schiff schwimmen und sind begeistert. Sind wir nun in der richtigen Karibik?

Leider gibt es hier jedoch keinen nutzbaren Strand, da dieser nur ca. 2 Meter tief ist und immer wieder von Wellen überspült wird. Liegen bei unserer Ankunft nur 3 Schiffe vor Anker, wird es abends mit 13 Schiffen noch richtig voll.

Seit 2 Tagen betrachten wir etwas sorgenvoll die bevorstehende Wetterentwicklung. In der Nacht von Sonntag auf Montag soll der Wind auffrischen und die komplette nächste Woche bei 6-8 Beaufort bleiben. Wir überdenken unsere Alternativen: liegen bleiben, an die Westküste Barbudas verlegen, nach Antigua zurück fahren, direkt nach Nevis weiter fahren. Wir sind unschlüssig. Eigentlich gefällt es uns sehr gut auf Barbuda. Andererseits liegen wir in diesem riffgespickten Gebiet möglicherweise etwas unsicher. Ein Korallenkopf mit nur 40 cm Wasser darüber liegt nur 20 Meter hinter unserem Heck und auch rechts und links von uns lauern die Untiefen. Hier kommen wir nachts niemals raus, wenn mal was mit dem Anker sein sollte.

Die Entscheidung ist gefallen: Zusammen mit der JoEmi und der Croix du Sud fahren wir am Sonntag an die Westküste in die „Low Bay“.

Dies hat den Vorteil, dass wir von hier aus besser nach Codrington zum Ausklarieren kommen und dass hier nicht so viele Untiefen sind. Hier ist endlos viel Platz. Wir ankern direkt vor dem endlosen „11-Mile-Beach“. Der Strand ist traumhaft schön und obwohl wir es bisher nicht glauben konnten, ist er tatsächlich an einigen Stellen rosa bzw. pink.

Das Wasser ist auch hier nicht ganz kristallklar, sondern eher etwas trüb vom Sand, aber das macht nichts. Dieser Ort hier kommt unserem Traumbild von Karibik auf jeden Fall schon sehr nah.

[ssba]

5 Kommentare

  • Annika

    1. März 2017 at 19:03 Antworten

    Ganz nett?
    Trübes Wasser?
    Kein weißer Sand?
    Keine „echte Karibik“?
    Hallo?! Ihr seid wirklich Banausen! Ihr seht wunderschöne Buchten, meterlange Strände und gaaaanz viele andere traumhafte Plätze auf dieser Welt von denen viele Menschen nur träumen dürfen! Also echt… Ihr solltet mal ein paar Tage „nach Hause“ kommen, ich denke danach wisst ihr die Dinge zu schätzen ?
    Ich für meinen Teil habe quasi bei jedem Bild ziemlich „gesabbert“ und wäre gerne an eurer Stelle – auch in der „unechten Karibik“. ?

    Es sei euch dennoch gegönnt!

    Fühlt euch gedrückt!!

    • Andre Schulz

      1. März 2017 at 20:09 Antworten

      Hallo Annika. Danke für Deinen Kommentar. Du bist offensichtlich unser treuester Begleiter! Wir wissen das wohl alles zu schätzen. Wir versuchen, unsere Gedankengänge möglichst genau wieder zu geben. Die Suche nach der „richtigen Karibik“ ist es etwas, das alle befreundeten Yachten ebenfalls so empfunden haben. Irgendwie hatten wir alle die gleiche Vorstellung davon, wie es hier überall aussehen sollte. Wir alle sind immer auf der Suche nach türkisblauem Wasser, weißem (unberührten) Strand und Palmen. Diese Spots sind auch hier rar. Das wissen wir nun und deshalb sind wir froh, den Starkwind diese Woche mit unseren Freunden von der Croix du Sud, JoEmi und der Pierina auf Barbuda abwettern zu können. Barbuda kommt unserem Idealbild schon sehr sehr nah. LG Papa.

      • Annika

        2. März 2017 at 17:38 Antworten

        Das hab ich mir schon fast gedacht, dass der Unterschied zwischen Vorstellung und Realität weit auseinander geht, es war ja auch gar nicht böse gemeint, aber als Leser denkt man zuerst „Sind die blind?!“ ?

        Trotzdem schön zu lesen, dass eure Vorstellungen in Barbuda auf die Realität treffen. ? Hauptsache es geht euch gut!

  • Ilka

    2. März 2017 at 6:19 Antworten

    Ihr Lieben,

    ich entsinne mich, dass Andi sich nach seinem Karibik-Törn ähnlich geäußert hat….. 😉

    Liebe Grüße
    Ilka

  • Nicki

    3. März 2017 at 22:32 Antworten

    Ihr Schnucki’s!!! Traumhafte Bilder… ich seh‘ da kein trübes Wasser und die Fotos sehen schon so wie Paradies aus…

    Aber ich kann eure Gedanken schon irgendwie verstehen…

    Das Bild von euch dreien – ich hab es mir lang angesehen!
    Ihr seht toll aus! Ich drück euch ganz fest und finde es so beeindruckend und interessant eure Geschichten zu lesen/sehen und zu lernen…

    Jetzt ist schon März! Unfassbar wie die Zeit vergeht. Trotzdem seid ihr gefühlt immer da. Tolles Gefühl durch die Berichte und Fotos dabei zu sein!

    Passt auf euch auf. Dicker Knutsch, Nicki

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