Aufbruch nach Heiligenhafen oder „Pläne sind zum ändern da!“

Nein! Keine Sorge! Wir haben uns nicht zur Umkehr entschlossen und fahren zurück an die Ostsee. Santo Porto heißt unser nächstes Ziel (oder eben „Heiliger Hafen“). Die Legende sagt, dass Anfang des 15.ten Jahrhunderts die Entdecker Zarco und Teixeira hinter diesem, bis dahin unbekanntem Eiland, während eines schlimmen Nord- Sturmes Schutz suchten. Sie gaben der Insel den Namen. Wir konnten bei unserer Anreise selbst erleben, wie schnell sich die Atlantik-Dünung hinter der Insel beruhigt. Wir können uns gut vorstellen, wie glücklich die Seefahrer im Sturm damals waren, diesen Platz zu finden.

Aber zurück auf Anfang: Eigentlich wollten wir von Lissabon weiter an Portugal´s Festlandküste nach Süden zur Algarve. Dort wollten wir die schönsten Ankerplätze erkunden. Nach einer Woche Lissabon war uns wieder nach etwas mehr Ruhe und Einsamkeit. Wir fahren den Ria Tejo herunter und ankern noch einmal vor Cascais.

dsc_0006Hier hat es uns auf dem Hinweg so gut gefallen und wir müssen dort im Hafen noch einmal Diesel bunkern. Das erste Mal seit Falmouth. In Cascais treffen wir unsere Freunde von der Diana wieder und wir besprechen unsere Pläne. Elke und Markus wollen lieber direkt zum Madeira-Archipel, auch weil die Empfehlung der Literatur lautet, dass man das Festland Mitte September verlassen soll, weil danach die ersten Herbststürme zu erwarten seien. Robin freut sich so sehr, dass er Oscar und Nestor wiedersieht, die Wetter-Vorhersage für die nächsten Tage ist gut und die Strategie macht Sinn. Das sind 3 sehr gute Gründe, sich anzuschliessen. Außerdem sind Pläne zum ändern da und die Nähe zu einer befreundeten Yacht während der langen Überfahrt (460 sm) ist auch was wert.

Am Mittwoch geht es also gegen 10.00 Uhr los. Beständige 5-6 bft sind angesagt -zunächst aus NW, später über N auf NE drehend-. Raumschots und später „platt vorm Laken“. Perfekte Bedingungen! Wir freuen uns auf die 3-4-tägige Fahrt. Allerdings erhalte ich direkt nach der Ausfahrt aus der Bucht einen Dämpfer: Beim Großsegel setzen vergesse ich den Reißverschluss der Persenning (Abdeckung) komplett zu öffnen. Ich wundere mich zwar etwas, dass das Durchsetzen des Falls so schwer geht, aber der Groschen fällt nicht. Irgendwann gibt es ein ekelhaftes Geräusch von reißendem Stoff und die Naht des Reißverschlusses versagt auf 2,5-3 Metern Länge. Ich kann niemanden -außer mir selbst- dafür die Schuld geben und ich schreie mich derart an, dass der Rest der Crew zuckt. Ich musste aus anderen Gründen schon mehrfach am Reißverschluss nähen und brauche ungefähr eine halbe Stunde für 10 cm. Jeder kann sich ausrechnen, wieviel Zeit mich diese kleine Unachtsamkeit kosten wird. 🙂

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mühsame Näharbeiten – der gutgelaunte Gesichtsausdruck täuscht

Aber das ist schnell vergessen. Wie auf Schienen läuft der Katamaran bei halbem Wind (Für die Nichtsegler: Wind genau von der Seite). Die Atlantik-Dünung setzt sofort hinter der Land-Abdeckung ein; 2-4 Meter hoch wird sie uns in den nächsten Tagen und Nächten begleiten. Aber das lässt uns mit diesem Schiff kalt. Selbst bei diesen Bedingungen können wir (meistens) eine Kaffeetasse abstellen, ohne dass sie womöglich Sekunden später in Scherben auf dem Boden liegt.

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Selbst Schnitzel braten geht während der Fahrt.

Ja! So langsam lieben wir dieses Schiff und sind uns sicher, dass wir mit dem Katamaran für diese Reise eine sehr gute Entscheidung getroffen haben. Wir haben 2x täglich Funk-Kontakt mit der Diana vereinbart. Auch aus diesen Gesprächen erfahren wir die Unterschiede zum Monohull bei gleichen Bedingungen. Als wir bereits in der ersten Nacht den Funkkontakt wegen zu großer Entfernung verlieren, informieren wir uns gegenseitig via Satelliten-Telefon über Position und Gemütszustand. Die Nächte sind hell. In der zweiten Nacht haben wir Vollmond. Das ist ganz ungewohnt. Bisher hat sich der Mond immer versteckt, wenn wir nachts unterwegs waren.

Ich wundere mich immer wieder darüber, dass sich Sportboote, Frachter und Tanker irgendwie magisch anzuziehen scheinen. Es ist soooo viel Platz auf dem Wasser, aber wenn wir auf unserem Radar einen Frachter sehen, steht die Peilung immer. Das heißt: Wir sind wieder mal auf Kollisionskurs! Als Schiff unter Segeln haben wir zwar Vorfahrt, aber das Recht werden wir hinterher nicht mehr einklagen können. Deswegen nehme ich dann bei Abständen unter 2 sm die Funke in die Hand und frage, ob man uns gesehen hat. Die Antwort lautet immer „ja“ und anschließend wird dort auch immer das Ausweich-Manöver eingeleitet. Übel nimmt man uns diese Sorge nicht. Im Gegenteil: die Gespräche sind meist höflich und zuvorkommend. Das passiert jeden Tag mindestens 1-2 Mal. Erstaunlich, weil hier doch soooo viel Platz ist.

Ansonsten passiert nicht viel. Weil immer noch Böen der Stärke 7 angesagt sind, reffen wir für die Nächte vorsorglich das Großsegel, und „bremsen“ damit auf 6-7 kn ab. Als Highlight für Robin sehen wir Abends nach dem Dunkelwerden auf dem Laptop einen Film an. Ab Freitag kommt der Wind genau von hinten. Dann ist es am schwierigsten, die Segel richtig zu trimmen und das Schiff bei der hohen Welle auf Kurs zu halten.

Als der Wind eine kurze Atempause einlegt und nur noch 4 bft beträgt, verlieren wir die Nerven und wollen den Parasailor-Spinnaker setzen. Ich versuche, die Vorbereitungen bei stehendem Vorsegel zu treffen. Es verheddert sich so ziemlich alles miteinander und hinterher kann ich froh sein, dass ich mich nicht auch noch selbst mit verknotet habe. 🙂 Als ich auf dem Vorschiff endlich fertig bin, hat der Wind aber schon wieder auf 5-6 bft aufgefrischt. Was nun???? Ein kurzer Blick zu Anja… Egal! Hoch damit! Ich habe alle Hände voll zu tun, das Segel vorne zu bändigen. Gewöhnlich bedient Anja hinten die Schoten. Als ich nach hinten komme, sehe ich die Bescherung: Anja trägt zwar Segler-Handschuhe, allerdings diese blöden Dinger, wo vorne die Fingerkuppen fehlen. Eine Schot ist ihr durch beide Hände gerauscht. Auf ALLEN ersten und teilweise zweiten Fingergliedern dicke fette Brandblasen. Au Backe! Gar nicht gut! Nachdem ich das Segel getrimmt habe, geht es ans Verarzten….

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@Michaela: Danke für die Calendula-Creme!
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Ein kleiner Teil des 105 qm großen Spi´s bei komfortableren Bedingungen

Wir lassen das Schiff erst mal laufen und geben Anja eine Erholungspause, während der Wind weiter auffrischt -mittlerweile satte 6 bft!-. Die Logge (der Tacho) zeigt 10 Knoten, 11 Knoten und einmal sogar kurz 13,5 kn, als wir die Welle herunter surfen. Dabei vibriert das ganze Schiff und es droht, aus dem Ruder zu laufen. Nein! Das ist zu viel! Anja hat sich glücklicherweise wieder etwas erholt und wir bergen den Spi bereits nach 2 Stunden wieder. Es geht bei 22-24 kn Wind erstaunlich gut! Ich glaube, wir haben den Trick raus.

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Die Wassertiefe auf dem Bildschirm könnt Ihr ignorieren. Bei der Wassertiefe von über 4000 Metern steigt das Echolot aus und zeigt Blödsinn an. Der Speed (SOG 10,8 kts)  passt.

 

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Nach dem Spi-Abenteuer schaukeln wir relativ gemütlich nur mit dem Genua-Segel weiter bis Porto Santo.

dsc_0055Samstag Mittag haben wir 440 sm in nur 75 Stunden zurückgelegt und freuen uns anzukommen. Zunächst legen wir uns im Hafen vor Anker, melden uns später bei der Hafen-Polizei und dem Hafenbüro an. Wir bekommen einen schönen Platz am Steg. Die Diana kommt wohlbehalten gegen 22.00 Uhr an.

Im Hafen gibt es eine interessante Preisstruktur:  ein ganzer Monat in der Marina kostet nur so viel wie 5 Tage, d.h. ab dem 6.ten Tag liegt man sozusagen kostenlos. Ob wir das nutzen, steht noch nicht fest. Gemäß Plan wollen wir unsere Dinge erledigen, wie Wäsche waschen, Einkaufen usw. und dann draussen vor dem schönen Sandstrand ankern und schwimmen. Aber Pläne sind ja bekanntlich zum ändern da!

 

[ssba]

3 Kommentare

  • Annika

    21. September 2016 at 12:54 Antworten

    Hallo ihr Drei,

    „Papas Missgeschick“ kann ich mir bildlich vorstellen. Vermutlich hätte ich mich (wie der Rest der Crew) ebenfalls still und heimlich in eine Ecke verkrochen. 😉 Aber ganz ehrlich: Papa und Nähen? Gäbe es das Beweisfoto nicht, hätte ich es nicht geglaubt! Vermutlich wurde beim Nähen ebenfalls ordentlich geflucht – die Männer der Familie Schulz sind ja bekanntlich Grobmotoriker. 😉 Aber wir Frauen haben euch trotzdem lieb!

    Die Finger von Anja sehen sehr schmerzhaft aus… Beim Lesen durchlitt mich quasi derselbe Schmerz und ich fühle mit dir mit!! Ich hoffe mittlerweile sind sie einigermaßen verheilt.

    Ich wünsche euch viele schöne Tage oder auch wenige schöne Tage (je nach Plan) in Porto Santo!

    Fühlt euch gedrückt!!

    • Andre Schulz

      21. September 2016 at 13:14 Antworten

      Hallo Annika, wenn Du die Dicke Nähnadel und den Segelmacher- Handschuh sehen würdest, die für den Persenning-Stoff nötig sind, wüsstest Du warum das nichts für „verbrannte“ Frauenhände ist… ?

  • Annika

    21. September 2016 at 22:11 Antworten

    Das kann ich mir allerdings gut vorstellen! Der Stoff ist ja auch nicht gerade dünn… Okay, du hast Recht! Nähen ist in dem Fall doch etwas für Männer! 😉

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