Der englische Kanal

Wahnsinn. Jetzt ist schon Sonntag und die Tage vergehen wie im Fluge. Der letzte Blogeintrag ist bereits 5 Tage her und ich fange an, Schwierigkeiten zu bekommen, die einzelnen Tage auseinander zu halten. Wir haben immer noch nicht unsere innere Ruhe so richtig gefunden und fühlen uns nach wie vor ein bisschen angetrieben. Wir haben gehörigen Respekt vor der Biskaya und dem für uns erstmaligen mehrtägigen Törnabschnitt. Geplant ist die Biskaya-Querung ab Falmouth und das bisher doch erstaunlich gute Wetter nutzen wir aus, um möglichst schnell dorthin zu kommen.

Den Mittwoch verbringen wir entspannt in Eastbourne. Es ist immer wieder erstaunlich, wie wenig man am Ende eines Tages geschafft hat, ohne wirklich gefaulenzt zu haben. Die alltäglichen Dinge nehmen einfach so viel mehr Zeit in Anspruch als zuhause:

  • wir gehen einkaufen (zu Fuß – nicht wie zuhause mal eben mit dem Auto -; wohlüberlegend was wir wohl auch alles tragen können, denn wir wissen ja noch nicht genau, wo der Supermarkt ist und was für ein Angebot wir dort vorfinden werden)
  • wir waschen Wäsche (Waschraum aufsuchen, feststellen, dass man nicht genug Kleingeld hat, Geld wechseln, inzwischen ist die Waschmaschine besetzt, warten, wieder zum Waschraum, Waschmaschine ist wieder frei, ½-stündiges Waschprogramm starten, die Wartezeit mit einem kleinen Spaziergang überbrücken – etwas neues anfangen lohnt nicht -, Wäsche in den Trockner und Programm starten, warten, feststellen, dass die Wäsche immer noch feucht ist, wieder warten, fertig !!)

 1

Inzwischen ist der halbe Tag rum. Am Nachmittag machen wir mit der Diana-Crew einen schönen Spaziergang und abends gehen wir gemeinsam lecker beim Thailänder essen. Robin fällt die Auswahl noch etwas schwer (es stehen weder Pommes noch Chicken-Nuggets auf der Karte), aber Reis und Nudeln gibt es ja auch hier. Nach dem Essen gehen wir übrigens noch mal zum Supermarkt, da wir beim ersten Mal nicht alles tragen konnten.

Donnerstag mittag machen wir uns auf Richtung Brighton. Wir liegen in unmittelbarer Nähe zur Schleuse und als die Ampel grün zeigt, legen wir ab. Als wir dort ankommen, ist die Schleuse bereits fast voll. Wo kommen die denn alle her? Wir passen trotzdem noch rein und neben uns sogar noch ein Motorboot. Hier bewegt sich jetzt nicht mehr viel. Wir verlassen Eastbourne diesmal bei Hochwasser. Was für ein Unterschied zum Niedrigwasser bei unserer Ankunft.

 3

2

Wir müssen kreuzen, da der Wind genau aus der Richtung kommt, in die wir gerne möchten. Da es bis Brighton nur ca. 20 sm sind, haben wir keine Eile und wir genießen die Segelstunden. Die letzte halbe Stunde haben wir leider wieder die bereits bekannten fiesen Schiffsbewegungen bei Wind gegen Strom.

Wir sind froh, als wir endlich im Hafen sind und bekommen den letzten freien Katamaran-Platz am Anfang des Hafens zugewiesen. Direkt neben einem Arbeitsboot ;-( Die SY Diana liegt mitten im Hafen deutlich schöner. Spät abends machen wir mit Robin noch einen kleinen Spaziergang durch den Hafen und über die schöne Promenade mit ihren vielen Restaurants.

4

56

Am Freitag heißt es mal wieder früh aufstehen. Wir müssen den Hafen vor Niedrigwasser verlassen, da die SY Diana sonst aufgrund ihres Tiefgangs nicht mehr rauskommt. Bereits um 5.45 Uhr schmeißen wir die Leinen los. Unser heutiges Ziel lautet Cowes auf der Isle Of Wight. Segeln lohnt nicht, da wir lange Gegenstrom haben. Erst bei der Einfahrt in den Solent bekommen wir Schiebestrom und etwas mehr Wind. Wir können noch 1,5 Std. bei wunderbarem Wetter segeln.

Als uns ein kleines französisches Segelboot bedenklich nahe kommt und ich stutze, zeigen sich erste Ermüdungserscheinungen beim Skipper. Dieser pocht auf rechts vor links und ich weise ihn darauf hin, dass der Franzose doch von rechts kommt!! Mit einem Manöver des letzten Augenblicks rettet der Skipper die Situation und entschuldigt sich für seinen Fehler.

Im Solent ist es voll wie auf der Talsperre (um mit den Worten des Skippers zu sprechen) und es ist viel Fährverkehr. Der Cowes Yacht Haven ist bereits voll und die Diana-Crew, die bereits vor uns in Cowes eingelaufen ist, lotst uns in die East Cowes Marina, in der wir schon von einem netten Hafenmitarbeiter in Empfang genommen werden und der uns auch direkt die Leinen annimmt. Gegen Abend fahren wir noch mit Robin in die Stadt. Dazu nehmen wir die Fähre, die an Ketten über den Medina River läuft.

7

 

Der Ort gefällt uns sehr gut. Leider ist kein Einkaufsbummel mehr möglich, da die Geschäfte hier bereits um 17 Uhr schließen. Die zahlreichen Pubs sind allesamt gut gefüllt und der Ort noch sehr belebt. Wir setzen uns mit einem Eis an die tolle Promenade und genießen die letzten Sonnenstrahlen und die schöne Atmosphäre hier.

9

8

Am Samstag verlassen wir die Marina tidebedingt erst um 13 Uhr. Man merkt, dass Wochenende ist. Sowohl die Ausfahrt aus Cowes heraus als auch der Solent sind proppevoll. Der Plan sieht vor, dass wir mit kippender Gezeit und viel Schiebestrom in 6 Stunden nach Portland rutschen. Soviel zur Theorie. Auf dem Weg zum Needles-Channel frischt der Wind aus SW auf ca. 20 kn auf. Bei Wind gegen Tide ist der Needles-Channel sehr ungemütlich und wir möchten gar nicht wissen, was bei Sturm hier los ist.

10

11

Wir stampfen unter Motor gegen an und leider wird es auch nicht besser, nachdem wir die Needles passiert haben. Wir setzen die Segel gerefft, was zwar zu einer Verbesserung führt, aber schön ist anders. Der Wind kommt genau von vorne und glücklicherweise verringert der Schiebestrom unseren Wendewinkel auf 70-80°. Erst gegen Abend, als die Tide kippt, wird es deutlich ruhiger. Wir reffen nach und nach aus und genießen die landschaftlich beeindruckende Küste. Laut unseres Törnführers handelt es sich hier zwischen St. Alban’s Head und Weymouth um einen der spektakulärsten Küstenabschnitte des englischen Kanals.

Rund 9 sm vor Portland nehmen wir die Segel runter und motoren den Rest, damit wir noch vor Einbruch der Dunkelheit den Hafen erreichen. Als Belohnung dürfen wir einen tollen Sonnenuntergang erleben, bevor wir mit dem letzten Tageslicht um 22 Uhr den Portland Marina erreichen.

12

Aufgrund der späten Stunde gibt es nur noch schnell ein paar Ravioli und eine Schüssel Salat und nach der Törnplanung für den nächsten Tag (Ergebnis: 6.30 Uhr aufstehen) geht es ins Bett.

Wir verlassen heute Morgen die Portland Marina um 7.15 Uhr, um noch rechtzeitig vor Einsetzen des Gegenstroms die Südspitze mit dem Leuchtturm Portland Bill und das davorliegende „Portland Race“ zu umrunden. Dieses Gebiet ist der gefährlichste Brandungsbereich des gesamten Englischen Kanals. Leider sind wir schon ein bisschen zu spät und wir haben bereits bis zu 3,5 kn Gegenstrom. Wir umrunden „The Race of Portland“ mit großem Sicherheitsabstand.

13

Es wird ein langer Segeltag mit ganz wenig Sonne und stellenweise sogar Regen – übrigens unser erster, seit wir losgefahren sind. Erst um 20 Uhr laufen wir in Dartmouth ein.

Die Einfahrt in den River Dart präsentiert sich mit spektakulärer Landschaft.

1415

 

 

Wir passieren Dartmouth Castle kurz nach der Einfahrt in den River Dart.

16

 

Bereits auf den ersten Blick gefällt uns dieses Städtchen sehr.Die beiden Orte Dartmouth und Kingswear sind in den Hang gebaut. Überall sieht man bunte Häuser und wir beschließen, morgen einen Hafentag einzulegen und die Gegend ein bisschen zu erkunden. Dieser Ort scheint es uns definitiv wert zu sein.

17

18Und einen Tag Pause haben wir uns auf jeden Fall verdient.

[ssba]

8 Kommentare

  • Ilka

    25. Juli 2016 at 7:34 Antworten

    Jetzt komme ich vor lauter Lesen zu spät zur Arbeit…. 😉 Freu mich, von Euch zu lesen!

    • Andre Schulz

      25. Juli 2016 at 23:55 Antworten

      Arbeit? Mmh ja. Da war mal was…. 🙂

  • Annika

    25. Juli 2016 at 10:27 Antworten

    Hallo ihr Drei,

    dieser Bericht klingt sehr wehmütig, fast so als würdet ihr euren Schritt ein wenig bereuen…
    Konzentriert euch auf die Schönheit der Natur, den Wind, das Wasser, die Wellen, die Ruhe – auf all´ die Dinge, auf die ihr so sehnsüchtig gewartet habt! Ihr habt alle Zeit der Welt – immerhin sind fast 3 Jahre geplant. Lasst euch von nichts und niemanden stressen, euren Weg bestimmt ganz alleine ihr (und der Wind natürlich auch ein wenig). Das der Weg nicht immer leicht wird und nur positive Seiten hat, dass wusstet ihr bereits vorher. Aber ich denke mit der Zeit pendelt sich das alles ein. Ich mein, ihr habt eine ganze Weltumseglung geplant, da wird euch der Gang zum Supermarkt doch nicht „ausbremsen“ 😉

    Findet den Weg zu euch selbst, dann läuft der Rest von ganz allein – versprochen!

    Ich sende euch ganz viele „Mut-Mach“-Umarmungen aus der sehr schwülen Heimat.

    Annika

    P.s.: Die Bilder sind wirklich atemberaubend schön!

    • Andre Schulz

      25. Juli 2016 at 23:54 Antworten

      Hallo Annika. Das sollte gar nicht wehmütig klingen. Die Stimmung an Bord ist gut. Nur das frühe Aufstehen und der ständige Wing auf die Nase ist bei diesem Streckenabschnitt etwas nervig. Im Großen und Ganzen sind wir aber mit dem Wetter bisher sehr zufrieden. Der Channel kann auch anders, das wissen wir wohl und das merken wir an den markanten Stellen auf dem Wasser. Also: Mach Dir keine Sorgen. Alles ok hier! LG Papa

  • Babsi

    25. Juli 2016 at 13:17 Antworten

    Die Fotos und eure Erlebnisse sind toll! Beim Lesen werde ich immer ganz sehnsüchtig…
    Fühlt euch gedrückt!
    PS: ihr habt ja bestimmt ein Geschichtsbuch dabei und könnt bei den ganzen Orten auch immer nachvollziehen, was dort in der Vergangenheit geschah…?

    • Andre Schulz

      25. Juli 2016 at 23:50 Antworten

      Hallo Babsi, na klar haben wir Geschichtsbuch dabei. Es heißt Nautical Almanac. Das meinst Du doch, oder? LG Andre

  • Thomas Voß

    25. Juli 2016 at 21:08 Antworten

    Ein ehemaliger Arbeitskollege aus Dortmund von Anja Schulz und seit Jahren Kollege von Marco läßt grüßen. Es ist eine total tolle Tour mit phantastischen Bildern. Ihr könnt Euch sicher sein, dass mein Neid Euch die nächsten 100 Seemeilen begleiten wird und meine besten Wünsche und meine Aufmerksamkeit die gesamte Tour

    Thomas

  • Nicki

    26. Juli 2016 at 19:47 Antworten

    Hallo ihr Lieben!
    Ich bin total fasziniert von euren Bildern, den Erlebnissen und Geschichten. Ich bin irgendwie völlig bei euch!!! ?
    Es macht Spaß zu lesen, wie die ersten Tage vergangen sind. Jetzt seid ihr schon knapp eine Woche unterwegs und habt schon ne Menge gesehen und ich finde es toll, das wir alle so daran teilhaben dürfen.
    Ein Hoch auf die Medientechnik!!
    Schnucki’s macht weiter so; ich drück euch alle ganz fest!!

Hinterlasst uns einen Kommentar