Die Fahrt nach Bermuda und die China-Connection 06.05.2018 – 11.05.2018

Die Nacht von Samstag auf Sonntag ist kurz. Ich schlafe unruhig. Immer wieder ringe ich mit der Entscheidung: Sonntag fahren oder nicht? Zum guten Schluss bin ich mehr oder weniger bei einer Abfahrt am Montag. Wind ist noch da, aber die Squalls und Gewitter sollen weniger werden. Gut! Den einen Tag werden wir noch aushalten, denke ich.

Am Sonntag-Morgen bin ich dann auch wieder früh auf und kann es kaum erwarten, den Wetterbericht abzurufen. MANNO! Das Wetter für eine Abfahrt am Sonntag sieht noch etwas rauer aus, dafür ist jetzt ab Montag schon Flaute angesagt. 6 ½ Tage motoren? Das wollen wir doch auch nicht. Anja und ich diskutieren hin und her. Unsere Erfahrungen mit den Gewitter- und Böen-Vorhersagen sind eher die, dass man schon etwas Pech haben muss, wenn man das immer alles abkriegt. Also entscheiden wir uns für eine Abfahrt heute am Sonntag. Der Montag wird dann ungemütlich, aber da müssen wir eben durch.

Unsere kleine Flotille mit 5 Booten wird Ihr eigenes Kurzwellen-Funknetz haben. Heute findet es zum ersten Mal statt und wir stecken die Pläne ab: Die „Once Around“ und die „Minnie B“ werden heute fahren – das ist schon klar! Wir haben uns auch für heute entschieden. Aber mit Spannung erwarten wir die Entscheidungen der „Eleonore“ und der „Ruby Rose“. Überraschung! Alle kommen mit! Das ist schon mal ein gutes Gefühl.

Unser Funk-Netz heißt übrigens CHINA-Net. Wie kommen wir denn auf den komischen Namen? Das hat etwas von „Stille Post“. Als wir gerade nach einem Namen für die Runde suchen, diskutiert Nick von der „Ruby Rose“ parallel ein anderes Thema mit seinem Mitsegler. Dabei fällt der Name des Heimathafens. Den versteht Phil falsch und glaubt, den Vorschlag CHINA-Net zu gehört zu haben. Ok! Warum nicht? Nehmen wir! Thomas von der „Eleonore“ braucht nur Sekunden, um der ganzen Sache einen Sinn zu geben: Cruising Home In North Atlantic = CHINA 🙂

Gegen 8.30 Uhr sehen wir Peter mit der „Once Around“ schon losfahren. Der hat´s aber eilig! Er ist doch wahrscheinlich sowieso der Schnellste von uns Allen :-). Wir warten noch ein bißchen auf die „Eleonore“ aber um 10.15 Uhr nehmen wir auch den Anker auf. Das Groß-Segel setzen wir noch am Anker liegend. Schon nach wenigen Minuten sind die Motoren wieder aus. So soll es sein! Fast zeitgleich fahren die anderen 4 Schiffe durch den Man-O-War-North-Channel. Bye-Bye Bahamas und Karibik.

Nach Rücksprache mit dem amerikanischen Wetter-Propheten Chris Parker, fahren wir nicht direkten Kurs von 060°, sondern halten uns zunächst etwas südlicher mit 071°. Vielleicht kommen wir damit an dem schlimmsten Wetter vorbei. 24-48 Stunden sollen wir erst einmal so fahren, dann erst rum, so sagte er zumindest noch am Samstag-Abend. Der Sonntag beschert uns noch einen Premium-Segeltag. Sonne und Wind von der Seite zwischen 14 und 19 Knoten. Nur die Welle kommt von schräg vorne und wird im Laufe des Nachmittages immer höher. Gegen Abend hat sie gut 2,5 Meter erreicht. Wir segeln mit dem Groß im ersten Reff, weil wir ständig mit den ersten Squalls rechnen. Am späten Nachmittag müssen wir unsere Freunde warnen, die 2 sm hinter uns liegen. Ungefähr 100 Meter neben uns treibt ein großer Alumast vorbei. Sieht aus wie der mittlere Teil des Mastes von einem größeren Segelschiff. Nicht auszudenken, wenn unsereiner so etwas rammt.

Nach Mitternacht legt der Wind dann zu. Am Montag um 7.30 haben wir 23-26 Knoten Mittelwind und eine beeindruckende 3-Meter-Welle, die immer noch seitlich von vorne kommt. Das Vordeck wird immer wieder kräftig gespült. Wir sind mittlerweile im 2. Reff unterwegs und im CHINA-Net hören wir von verschiedenen Fällen von See-Krankheit. Das ist auch der Grund, warum die Schiffe immer weiter auseinander laufen. Einige fallen etwas ab, damit die Welle nicht mehr so ganz unangenehm kommt. An Bord der „Step By Step“ ist aber alles in Ordnung und wir bleiben beim Rat des Wetterfrosches 071°. Wir hoffen, dass er am Abend Entwarnung gibt und wir den Kurs auf Bermuda richten können. Im Laufe des Nachmittages nehmen Wind und Welle etwas ab und wir können ins erste Reff zurück.

Leider erfüllt Chris Parker am Abend unsere Hoffnungen nicht. Im Gegenteil: Als wir über Kurzwelle im SSCA-Transatlantic-Net einchecken und unsere Position berichten, ist sein Original-Ton: „Step By Step!“ bitte bleibt nach den Netz im Stand-By. Ich habe wirklich, wirklich schlechtes Wetter für Euch! Lasst uns gleich darüber reden. Oups! Damit habe ich nun wirklich nicht gerechnet und es zieht ganz schön im Magen. Glücklicherweise relativiert sich die Warnung später dann doch etwas: Der Trog breitet sich zwar nach Osten aus, also in unsere Richtung, und Nord-Östlich der Bahamas ist richtig schlechtes Wetter mit vielen starken Squalls und Gewittern, aber Ihr seid schon weit genug östlich. Das meiste scheint hinter Euch zu bleiben, aber bleibt noch mindestens einen Tag auf 071°, wenn es geht. Klar, geht das! Wie um das alles zu bestätigen, nehmen Wind und Welle kurz vor Sonnen-Untergang wieder zu und wir gehen zurück ins zweite Reff. Aber wenigstens sind wir schnell. Etmale größer 160 sm. Das hatten wir selten.

In der Nacht zum Dienstag sehe ich dann gegen 2.30 Uhr auch den ersten Squall auf dem Radar. Ziemlich groß ist er und er kommt von Süden langsam aber direkt auf uns zu, so scheint es. Als er nur noch 1 sm entfernt ist, hole ich meine Regenjacke aus dem Schrank, mache das Schiff dicht und setze mich ans Steuer. Aber wir haben Glück! Der große Squall zieht haarscharf vor uns vorbei und ab in Richtung Norden. Wir bekommen nur wenige Böen und ein paar Regentropfen ab. Der Rest der Nacht bleibt ruhig und morgens gegen 9.00 Uhr können wir sogar zum ersten Mal auf dieser Strecke alle Reffs herausnehmen.

Robin und ich wundern uns über einen Seevogel, der sehr interessiert über der „Step By Step“ kreist. Immer wieder kommt er näher und noch weiter auf uns zu. Wir gehen zunächst davon aus, dass er nur einen guten Platz sucht, um sein „Geschäft“ zu erledigen. Erst als er weg ist, sehen wir die Objekte seiner Begierde: 3 fliegende Fische sind in der Nacht auf der „Step By Step“ gelandet. Einer auf dem Bimini-Dach, einer liegt seitlich auf dem Deck und vorne im Netz liegt ein richtig Großer. Na! Die hätte er sich wohl gerne geholt…. Und da Fische eh schon tot sind, hätten wir sie ihm auch gegönnt.

Ich bin überrascht, wie gut der Windgenerator die Batterien lädt. Obwohl wir seit Sonntag-Abend keine Sonne mehr gesehen haben und der Kühlschrank wegen Gefrierware auf Hochtouren läuft, sind die Akkus immer voll. Sollte sich die Anschaffung am Ende doch noch gelohnt haben?

Den ganzen Tag nimmt die Welle immer wieder mal ab, nur um eine Stunde später doch wieder zuzunehmen. Gegen Nachmittag nimmt der Wind auch wieder zu und im ersten Reff geht es in die dritte Nacht.

Obwohl uns Chris Parker am Dienstag-Abend endlich die Freigabe für direkten Bermuda-Kurs erteilt hat, müssen wir auch am Mittwoch noch mit Squalls rechnen. Aber auch heute sehen wir nur einen einzigen auf dem Radar, der gut 1 sm vor uns herzieht. Gegen Mittag nimmt der Wind dann endlich ab und auch die Welle beträgt nur noch 1 bis 1,50 Meter. Jetzt fehlt nur noch die Sonne. Zur Sicherheit reffen wir am Abend noch mal das Groß, weil es doch immer wieder Böen bis 19 kts gibt, aber dabei bleibt es dann auch.

Langsam kommt auch eine andere Überlegung hinzu. Eigentlich vermeiden wir es, unbekannte Häfen nachts anzusteuern und so wie es im Moment aussieht, kommen wir am Donnerstag so gerade 2 Stunden nach dem Dunkelwerden an. Also soll das Reff uns auch langsamer machen und damit unsere Ankunft verzögern. Die Rechnung geht leider nicht auf. Unbeeindruckt von der verkleinerten Segelfläche geht die „Step By Step“ immer noch mit rund 7.5 kts voran, aber noch mehr reffen mögen wir auch nicht.

Als wir am Donnerstag-Morgen erkennen, dass unsere Ankunft noch in der Nacht sein wird, reffen wir wieder aus. Dann macht das keinen Sinn und wir können den schönen Segel-Tag lieber unter Vollzeug genießen.

Die sogenannte Challenger-Bank SW-lich von Bermuda ist zwar mit 40 Metern tief genug für uns, aber sicherheitshalber machen wir doch einen kleinen Bogen darum herum. Erstens steigt der Seegrund von 5000 Metern dort extrem steil an und das kann schon mal zu konfusen Wellenbildern führen und zweitens rechnen wir dort mit extrem vielen Fischernetzen. Wir finden zwar keine Warnungen in der Literatur, aber sicher ist sicher.

Um 20.40 Uhr melden wir uns 30 Seemeilen vorher ordnungsgemäß bei „Bermuda Radio“. Weil wir uns vor unserer Abfahrt online angemeldet haben, erwartet uns der freundliche Operator schon und lässt sich nur ein paar grundsätzliche Daten bestätigen. Wir sollen uns wieder melden, wenn wir am Leuchtturm „David“ an der Ostspitze der Insel sind. Das machen wir dann auch und er gibt uns ein paar Tipps für die Ansteuerung im Dunkeln. Unter anderem teilt er mit, dass die Bojen im „Town Cut“ nicht befeuert sind. Ok! Danke! Kein Problem! Wir haben ja unseren teuren Suchscheinwerfer, denken wir. Der liegt natürlich auch bereit, als wir kurz vor dem Cut die Segel bergen und nach 4.5 Tagen zu ersten Mal die Motoren starten. Stimmt nicht ganz! Heute Vormittag haben wir die BB-Maschine einmal für 20 Minuten im Leerlauf laufen lassen, damit wir warmes Wasser zum Spülen und zum Duschen bekommen.

Als es dann ernst wird und wir in den Cut starten, will ich den Zigaretten-Anzünder-Stecker des Such-Scheinwerfers in die Dose am Steuerstand stecken und merke nach einem kurzen Widerstand, wie ich die Dose mit dem Stecker zusammen in den Hohlraum schiebe. Muss das ausgerechnet jetzt kaputt gehen? Ja, muss es wohl! Jetzt müssen wir die Nacht am Ende doch noch draußen auf See verbringen. Die gute Nachricht ist, dass wir auch in eine LED-Lenser-Taschenlampe investiert haben. Die reicht, um die Reflexstreifen auf den Tonnen zu finden und wir kommen sicher rein.

Entgegen unserer Informationen hat Customs und Immigration 24h geöffnet und wir können um 3.30 Uhr Ortszeit direkt zum Dock durchfahren. Blöd ist nur, dass wir den Weg mitten durch die Ankerlieger wählen, statt außen herum durch den freien Kanal zu fahren. Die Müdigkeit zeigt Wirkung :-). Zu dieser Zeit sind wir die einzigen Gäste bei Customs und die Formalitäten gehen schnell. Wir hatten auf den Bahamas nicht ausgecheckt, weil es dort nicht erwartet wird. Daher haben wir nun keine „Outgoing-Clearance“ des vorher besuchten Landes, wie es in manchen Ländern bei der Einreise verlangt wird. Auf Bermuda wurde jetzt eine Kopie des Bahamas-Cruising-Permit als solches akzeptiert, wie letztes Jahr in den USA auch schon.

Am Freitag-Morgen um 5.55 Uhr OZ liegt der Anker auf 6,5 Metern Tiefe in der Nähe des Dinghi-Docks von St. George und wir haben in rund 112 Stunden die ersten 760 Seemeilen unserer Heimreise geschafft. Das Wetter war teilweise etwas rau, aber wären wir nur einen Tag später gefahren, hätten wir auf der ganzen Strecke motoren müssen und wären auch noch viel langsamer gewesen. Die Reise hätte mindestens einen 1 ½ Tage länger gedauert. Alles richtig gemacht!

[ssba]

4 Kommentare

  • Elke und Markus Schlüter

    14. Mai 2018 at 19:00 Antworten

    Super! Da habt ihr ein tolles Tempo gemacht. Und alles unter Segeln. Glückwunsch zur ersten Etappe der Heimreise!

    • Andre Schulz

      16. Mai 2018 at 1:14 Antworten

      Hallo Ihr Dianas, ja wir konnten unsere Etmale selbst kaum glauben. Morgen am Mittwoch geht es los zu den Azoren. Da wird bestimmt ein satter Motoranteil bei sein. Das Azorenhoch ist da und ausgeprägt. Bis bald!

  • Annika

    14. Mai 2018 at 19:30 Antworten

    Das liest sich wie ein richtiges Segel-Abenteuer! Meine Deutschlehrerin hätte gesagt „Gut gewählter Spannungsbogen“ 😂

    Ich bin richtig froh, dass ihr gut angekommen seid!! 🙂

    • Andre Schulz

      16. Mai 2018 at 1:15 Antworten

      Hallo Annika, schön, dass es spannend ist. Für uns war es auch aufregend. Morgen am Mittwoch geht es weiter. Bis bald!

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