Endspurt zum Startpunkt in Slow-Motion

Seitdem wir Madeira verlassen haben, haben wir ordentlich Tempo herausnehmen können. Auf Lanzarote haben wir es gut 2,5 Wochen ausgehalten und die Zeit auch ausgiebig für Arbeiten am Schiff genutzt. Ich habe mich auch endlich dem Projekt „Maststufen“ gewidmet. Das habe ich ein wenig vor mir hergeschoben, aber jetzt war das einfach mal dran. Für jede Stufe müssen 3 Löcher in den Mast gebohrt werden und die Stufe wird mit relativ dicken Popp-Nieten befestigt. Wenn der Nietstift bricht, gibt es jedes Mal ein heftigen Schlag in meinem Schultergelenk. Das tut dann irgendwann richtig weh. Deswegen muss ich die noch vorhandenen Maststufen auf mehrere Tage aufteilen und zwischendurch auch mal ein paar Tage Pause machen. Als die zum Anbau vorhandenen Stufen weniger werden, stellen wir fest, dass wir zu wenige haben. Der Fehler: Beim Einkauf wurde ein Abstand von 50cm angenommen, während wir nun 42 cm gewählt haben –>ergo: es fehlen 6 Stück. Wir versuchen, die fehlenden Stufen hier auf den Kanaren zu beschaffen, aber das gestaltet sich entweder schwierig (falsche Ausführung auf Lanzarote) oder teuer (auf Gran Canaria im Dunstkreis der bevorstehenden ARC-Rallye). Also bestellen wir die Stufen in Deutschland und lassen sie zu Marco liefern, dessen Koffer immer weniger Platz für Kleidung hat. 🙂

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Außerdem lassen wir von der Werft noch das sogenannte Diamant-Stag vorne am Mast tauschen. Dieses war wohl ab Werk bei Auslieferung der Yacht schon verkorkst montiert, aber keiner hat´s gemerkt oder niemanden hat´s gestört. Leider hat das damals beim Kauf auch unser Sachverständiger nicht gesehen. Uns hat es auf jeden Fall für die Atlantik- Überquerung nicht gefallen. Die Spannungen im Material waren dort sicher überproportional.

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Rechts in der Mitte des Bildes sieht man den Knick im Stag
Für den 30.10. haben wir dann aber unsere Ankunft in Las Palmas auf Gran Canaria bestätigt und wir fahren endlich weiter. Es wird auch langsam Zeit! Das Schiff zerrt an den Leinen und wir wollen auch nicht mehr weiter Wurzeln schlagen. Die Strecke von rund 100 sm ist an einem Tag bei Tageslicht nicht zu machen. Also fahren wir Mittags los und wollen die Nacht durchsegeln, damit wir dann am nächsten Morgen ankommen. Es ist sehr wenig Wind vorhergesagt. Wir hoffen, trotzdem segeln zu können. Ein gutes Stück nach der Hafenausfahrt stellen wir, wie gewöhnlich, einen Motor ab und motoren mit dem anderen ins freie Wasser. Während wir noch überlegen, ob der Spinnaker zum Einsatz kommen wird, klingt unser Motor auf einmal wie ein röhrender 8-Zylinder-Motor. Da stimmt was nicht! Ein Blick zum Auspuff: ungewöhnlich starke Rauch-Entwicklung und kein Kühlwasserausstoß, obwohl wir den doch beim Losfahren noch kontrolliert haben… Also diesen Motor aus und den anderen Motor wieder anmachen. Was jetzt? So können wir den Motor nicht betreiben. Er würde binnen kürzester Zeit heiß laufen und großen Schaden nehmen. Glücklicherweise haben wir sehr ruhige Seebedingungen. Ich klettere in den Motorraum, prüfe den Seewasserfilter und baue anschließend den Impeller der Pumpe aus. Nein! Hier liegt der Fehler nicht, das ist alles in Ordnung. Wir drehen und fahren wieder Richtung Hafen für den Fall, dass wir den Schaden mit Bordmitteln nicht beheben können. Danach löse ich den Schlauch vom Seeventil: kein Wassereintritt! Aha! Daran liegt es also. Der Seewasser- Einlass ist blockiert. Mit unserer Dinghi-Luftpumpe puste ich kräftig Luft durch das Ventil, bis das Wasser wieder sprudelt. Ich baue alles wieder zusammen und wir starten den Motor wieder. Wir lassen ihn eine Weile laufen, um sicher zu stellen, dass der Fehler nicht wieder auftritt und gehen wieder auf Kurs Las Palmas. Wir sind mittlerweile 1,5 Stunden älter und mir ist ganz schön warm geworden.

Der Rest der Strecke verläuft bei 3-4 bft unter Segeln viel schneller als geplant. Nur gegen Mitternacht müssen wir für eine Stunde mangels Wind den Motor anmachen. Am nächsten Morgen vertrödeln wir vor der Hafeneinfahrt sogar noch etwas Zeit, damit wir nicht vor der Öffnung des Büros um 9.00 Uhr in Las Palmas ankommen. Die ganze Nacht war die Diana in Sichtweite, die ungefähr 2 Stunden nach uns gestartet ist. Nach dem Volltanken bringen wir die Anmelde-Prozedur in Las Palmas hinter uns und verholen an unseren endgültigen Liegeplatz. Unserem Wunsch nach einem Platz an einem gemeinsamen Steg wurde tatsächlich entsprochen. Die Diana liegt direkt neben uns und als am Sonntag die JOEMI kommt, macht diese an der anderen Seite von uns fest. Perfekt! Schon in der Nacht vom 31.10. auf den 01.11. treiben die Kids zu Halloween ihr Unwesen und machen die Stege unsicher.

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Auf Gran Canaria erwarten wir 2 Pakete. Einmal haben wir in Frankreich sicherheitshalber Ersatzteile für unseren Autopiloten bestellt und einmal haben wir bei einem deutschen Ausrüster noch einmal zugeschlagen und unter anderem einen AIS-Sender geordert. Bisher haben wir die AIS-Signale nur empfangen. Das System hat uns in den letzten Monaten aber dermaßen überzeugt, dass wir auch mit einem Sender aufrüsten wollen. Für die Nichtsegler: Das AIS-System sendet die Schiffsdaten, die Schiffsposition, den Kurs und die Geschwindigkeit über UKW-Funk. Diese Daten werden von den anderen Schiffen in Reichweite automatisch empfangen und auf einem Bildschirm in Form eines Piktogramm angezeigt. Man kann erkennen, wer da in der Nähe ist und ob man sich auf Kollisionskurs befindet.  Außerdem erkennt man befreundete Schiffe in der Nähe. Tolle Sache!

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Beide Pakete waren schon vor uns da. Das wäre normalerweise sogar sehr schön gewesen. Allerdings muss jeweils eine Einfuhr-Steuer bezahlt werden, so dass im Hafenbüro natürlich niemand die Pakete entgegen genommen hat. Die Kommunikation mit den Logistik-Unternehmen ist schwierig bzw. gar nicht vorhanden und die Pakete sind zwischenzeitlich sogar verschollen. Hier vor Ort können wir die Angelegenheiten mit einigen Telefonaten jedoch relativ schnell klären. Wir zahlen die knapp 10% Einfuhrsteuer bei Abholung. Weil die Rechnungen für die kanarischen Inseln ohne deutsche Mehrwertsteuer ausgestellt werden, ist das aber immer noch eine lohnende Angelegenheit.

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Am Dienstag holen wir unseren Leihwagen ab. Den haben wir für die ganze Zeit hier gemietet, weil wir weniger als 14,-€ / Tag bezahlen. Damit sind wir flexibel und haben ein Auto da, wenn wir es brauchen. Wir bekommen einen neuen Opel Astra mit Navigation und allem Schnickschnack incl. Vollkasko. Wir haben keine Ahnung, wie der Vermieter bei den Preisen leben kann. Aber es geht wohl. Heute ist Sonntag Abend und wir sind erst 2x mit dem Auto gefahren. Ein Ausflug nach Maspalomas am Mittwoch und einmal haben wir gestern versucht, am späten Abend noch im Supermarkt in der Stadt einzukaufen. Leider war unser Timing schlecht! Die Polizei hatte wegen eines Läufer-Events alle möglichen Straßen gesperrt und wir haben den Supermarkt nicht erreichen können. Stattdessen sind wir verzweifelt in der Stadt herum gekurvt, um irgendwie wieder zurück zu kommen. Der Verkehr in Las Palmas kommt uns wahnsinnig hektisch vor. Liegt es vielleicht auch ein Stück daran, dass wir das nicht mehr gewohnt sind? Gut, dass Anja und Elke diese Woche schon bei Jorge (sprich: Hrochä) waren. Jorge ist der offizielle ARC-Obst-und-Gemüse-Lieferant und reicht die exotischsten Früchte zur Probe. Auch der zentrale Markt bietet viele Möglichkeiten für den Einkauf von frischen Waren.

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Auch die Charcuteria hat reichlich Auswahl an haltbarem Reiseproviant
Auch die Charcuteria hat reichlich Auswahl an haltbarem Reiseproviant
Die restlichen Tage verbringen wir wieder einmal mit Einkaufen, Vorbereitung, Reparaturen oder Instandhaltung. Vor allem der Einbau des AIS und die Einbindung in die restliche Navigations-Technik hat es dann doch in sich. Fast zwei volle Tage dauert es, bis alles so läuft, wie es soll. Man merkt immer wieder, dass die Software zu der Technik noch nicht ausgereift ist. Ich fühle mich in die Computer-Zeit der 80er-Jahre zurückversetzt. Man macht 100-mal die gleiche Einstellung und beim 101-mal geht es dann plötzlich und keiner weiß warum. 🙂 Wir sprechen am Steg mittlerweile von Nerd-Geräten, die nur mit einer gehörigen Portion Stumpfsinn und vor allem mit Ausdauer ertragen werden können. Davon haben wir alle an Bord schon einige erlebt und jeder von uns hat sein Spezialgebiet. Anja hat den Drucker, Elke den WLAN-Router, Markus seinen Windpiloten und ich jetzt auch noch das AIS, neben meiner Kurzwellen-Funkanlage. 🙂

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Am Freitag Abend gehen wir zur Abschiedsparty der ARC+ Teilnehmer. Deren Route führt über die Kapverden. Man verkürzt damit die große Atlantik-Passage um rund 800 sm. Diese Schiffe starten bereits am Sonntag (also heute Morgen). Die Party gefällt uns ausgesprochen gut. Hier wird wirklich Stimmung gemacht und die Trommel- und Travestie-Show macht gute Laune.

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Auch bei der Hafenausfahrt der Schiffe heute Mittag wird mit Musik und Moderation via Party-Lautsprecher eine tolle Atmosphäre geschaffen, die Lust macht, direkt hinterher zu fahren. Oliver und ich fahren mit Dingi zwischendurch mal Richtung Startlinie, um noch näher dran zu sein. Bisher sind wir froh, mit der ARC zu segeln. Das ist doch was anderes, als alleine im Hafen ruhig auf das passende Wetterfenster zu warten und dann still und alleine loszufahren. Die Kinder feuern die ausfahrenden Schiffe mit den Nebelhörnern an und winken. Für uns bleiben noch 14 Tage für Seminare, Sundowner, Partys, noch mehr Arbeiten am Schiff und die große Proviantierung.

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5 Kommentare

  • Ilka

    7. November 2016 at 6:12 Antworten

    Ihr Lieben,

    Danke für diesen tollen Blog!

    Es ist schön, ein wenig ‚bei Euch‘ sein zu können!

    Ich drücke Euch,
    Ilka

  • Annika

    7. November 2016 at 17:59 Antworten

    MAN!! Willst du das deine Tochter einen Herzinfarkt bekommt?! Bei der Sache mit dem Motor ist auch mir sehr heiß geworden!! Glücklicherweise ist ja nochmal alles gut gegangen. Aber solche Beiträge liest das Töchterchen nicht gerne 😉

    Ich fiebere der ARC ziemlich entgegen. Dabei weiß ich gar nicht ob ich froh bin, weil es für euch endlich los geht oder ob ich lieber hoffen soll, dass ihr schnell am Ziel seid. 😀

    Ich denke an euch!!

  • Walter Wulf, 26125 Oldenburg, Orfenweg b10

    7. November 2016 at 19:16 Antworten

    Hi Andre und crew,
    Glückwunsch zum Anbringen der Maststufen. Eine fast unendliche Geschichte hast du damit ja beendet.
    Weiterhin alles Gute!
    Gruß Walter

  • Roger Schneider

    16. November 2016 at 10:16 Antworten

    Hallo Andre,

    ich lese weiterhin die schönen Berichte und freu mich sehr für Euch. Ich finde es klasse, wie wir alle an Eurem Abenteuer teilnehmen können und wie schon geschrieben, eine Prise Neid ist immer dabei.

    Nun wird es ernst, ich wünsche euch eine tolle Reise, geübt habt Ihr ja jetzt genug.;-)

    Viel Glück und nur gute Erfahrungen auf der Überfahrt.

    Kommt heile an und heile wieder zurück.

    Gruß aus Ahlen
    Roger

    • Andre Schulz

      17. November 2016 at 0:16 Antworten

      Danke Roger,

      Natürlich ist neben der grossen Vorfreude auch etwas Aufregung im Spiel. Umso schöner ist es zu wissen, dass Ihr zu Hause die Daumen für uns drückt.

      LG
      Anja, Andre, Marco und Robin

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