Hey! Ab in den Süden… der Sonne hinterher! – Intracoastal Waterway von Norfolk bis Cape Fear und weiter nach Charleston

Sonntag 22.10.2017

Wir folgen unserem neuen Rhythmus und nehmen bereits um fünf vor sieben den Anker auf. Es wird gerade hell.

Aber wir sind nicht die Einzigen. Gefühlt fahren alle Boote in Norfolk gleichzeitig los in Richtung Schleuse zum ICW (Intracoastal-Waterway). Die Schleuse wird nur einmal pro Stunde geöffnet und wir passen unser Tempo entsprechend an, damit wir nicht zu lange vor den Toren warten müssen. Auf dem Weg zur Schleuse liegt auch die erste feste Brücke, die nur 65 Fuß Durchfahrts-Höhe hat. Das ist das offizielle Limit zum Befahren des ICW und sind umgerechnet 19,70 Meter. Wir haben 1000-mal gemessen und gerechnet. Wir kommen auf rund 18 Meter Masthöhe inclusive UKW-Antenne für unsere Step By Step, aber ein bisschen Aufregung bleibt schon noch. Offizielle Angaben zur Gesamthöhe gibt es vom Hersteller des Bootes nämlich nicht.

Als wir uns der Brücke nähern, schauen wir immer wieder bange nach oben. Wir wissen, dass der Betrachtungswinkel ungünstig ist, aber trotzdem: Kann das passen? NIEMALS! Kurz vor der Brücke lässt uns auch noch ein anderes Segelschiff überholen. Schickt der uns etwa vor? Tatsächlich! Kaum sind wir vorbei, nimmt er wieder Fahrt auf und fährt hinter uns her. Das gibt´s ja wohl gar nicht! Vorsichtshalber nehmen wir Fahrt heraus und lassen uns darunter hertreiben. Es sieht extrem knapp aus, aber nichts passiert! Wir atmen auf, obwohl ja eigentlich nichts passieren konnte.

Direkt hinter der Brücke biegt der „Dismal-Swamp-Channel“ ab. Dieser soll noch malerischer sein als der ICW. Er ist aber zur Zeit gesperrt, weil Hurricane Matthew im Oktober 2016 dort viele Bäume ins Wasser geschmissen hat. Die Aufräum-Arbeiten sollen bis Anfang November abgeschlossen sein.

Nachdem man Norfolk erst einmal hinter sich gelassen hat, wird es sehr einsam und landschaftlich sehr schön.

Als wir die Schleuse erreichen, müssen wir doch noch ein paar Minuten warten, bevor wir einfahren können. Ein dicker Schlepper schiebt sich noch ganz nach vorne. Direkt hinter der Schleuse ist die erste Klappbrücke „Great Bridge“. Wir hatten es so verstanden, dass die Brückenöffnung mit der Schleus synchronisiert ist. Tatsächlich öffnet die Brücke aber erst zur vollen Stunde, so dass wir 45 Minuten davor warten müssen. Wenn wir das gewusst hätten, hätten wir die Fender draußen gelassen und an dem kostenfreien Steg davor festgemacht. So mussten wir so lange unter Motor vor und zurück tuckern. Bis die Brücke endlich öffnet, ist schon die zweite Schleusung von Norden gekommen und es warten rund 15-20 Boote auf die Durchfahrt. Kaum ist die Brücke auf, legen alle „den Hebel auf den Tisch“ und geben Gas.

Die nächste Brücke ist ein paar Meilen entfernt und öffnet auch wieder nur zur vollen Stunde. Jeder will dort mit durch, keiner will den Anschluss verlieren. Es ist ein bisschen wie auf einer Autobahn. Bis darauf, dass Überhol-Manöver ordentlich per Funk angekündigt werden und der Überholer neben dem langsameren Fahrzeug das Gas wegnimmt. Damit wird die Welle so weit wie möglich reduziert und man wird nicht ganz so durchgeschaukelt. Hin und wieder geht auch der Überholte vom Gas, damit es der Überholer leichter hat. Man nimmt Rücksicht aufeinander.

Der Kanal selbst ist so ganz anders, als wir es von Holland kennen. Es gibt keine Uferbefestigung, er ist viel schmaler als wir uns das vorgestellt haben und rechts und links ragen überall drohend Baumstümpfe aus dem Wasser. Es ist nicht erkennbar, bis wo es wirklich tiefes Wasser gibt.

Vor der Klappbrücke „North Landing“ müssen wir wieder 15 Minuten warten. Es gibt einen chaotischen Funkverkehr mit dem Brückenwärter. Er muss die passierenden Schiffe dokumentieren und ruft die Schiffsführer nach und nach an. Nur uns lässt er irgendwie aus und als wir uns mit „3rd sailboat“ angesprochen fühlen, meinte er eigentlich das Segelboot hinter uns. Danach hat er den Katamaran gerufen und das Boot hinter uns meldete sich usw. 🙂

Vor uns fährt ein Motorboot und wir folgen langsam. Wir treiben so auf die Brücke zu und sind gefühlt in der Kanalmitte. Irgendwann macht das Motorboot vor uns komische Bewegungen und die Motoren heulen auf. Erst jetzt merken wir, dass er offensichtlich Maschinenprobleme hat. Wir sind hinter ihm etwas quergedriftet und so langsam möchte ich das Schiff wieder gerade bringen. Wir haben nur den Backbord-Motor an und die Step By Step reagiert entsprechend langsam. Das Wasser wird „flacher“! Statt 3 Meter haben wir nur noch 2,50 Meter auf dem Echolot. Gerade als ich den Steuerbord-Motor starte, damit wir besser manövrieren können, rummst es. Wir sind schon wieder aufgelaufen, mitten im Kanal. Ich kriege die Krise! Wir waren zwar sehr langsam und kommen ohne Probleme wieder zurück, aber ich ärgere mich schwarz. 3 Jahre lang sind wir nie aufgelaufen und jetzt in den letzten Tagen alle Nase lang. Ein Blick auf die Karte offenbart es: Optisch sind wir zwar in der Mitte der Wasserfläche, aber der Kanal läuft hier an der anderen Seite entlang. Das ist auf dem ICW häufig so: nur nach Sicht fahren ist nicht! Wieder was gelernt! Der ICW und ich (Andre) sind schon fast geschiedene Partner. Das habe ich mir ganz anders vorgestellt. Da kann auch die wirklich atemberaubende und sehr abwechslungsreiche Landschaft heute nichts mehr daran ändern. Anja ist da ein bisschen toleranter. 🙂

Erst um 18.05 Uhr fällt nach 51 Seemeilen der Anker hinter Buck Island. Hier sind wir wirklich im nirgendwo. Die Autobahn-Schlange aus der Schleuse hat sich schon lange aufgelöst und wir sind fast alleine. Hinsichtlich der Insekten sind wir zwar vorgewarnt, aber als der Schwarm über uns herfällt, sind wir doch überrascht. Es sind so viele und sie kommen sooo schnell! Wir können nur noch schnell alles verrammeln und sind froh, dass es sowieso nicht mehr die Jahreszeit zum „Draußen-Sitzen“ ist. Hinterher machen wir sogar das Kabinenlicht aus und sitzen mit unseren Rotlicht-Stirnlampen im Salon und lesen, damit wir nicht noch mehr Viecher anlocken. Das hilft etwas! Am nächsten Morgen sind die meisten Insekten weg, aber das Schiff ist übersäht mit kleinen grünen Punkten. Das sind Hinterlassenschaften der mückenähnlichen Insekten, die aber glücklicherweise nicht stechen.

Montag 23.10.2017

Wieder stehen wir früh auf. Wir haben schon festgestellt, dass wir hier auf dem ICW nicht zu viel trödeln wollen. Die Strecke ist lang genug und wenn schon den ganzen Tag motort werden muss, dann wollen wir auch vorankommen. Wir wissen, dass auch die schönste Landschaft irgendwann langweilig wird, wenn es mehr oder weniger immer geradeaus geht.

Wir brauchen heute Nachmittag einen Ankerplatz, der gegen starken Südwind geschützt ist. Der Wind soll aus Süden zunehmen und am Dienstag auch durchstehen, das bedeutet: Pause! Wir entscheiden uns für das südliche Ende des „Alligator-River“. Bereits um 13.30 Uhr sind wir da und haben die 38 sm hinter uns. Der Wind frischt schon merklich auf. Wir ankern weit vom Ufer entfernt, damit wir uns keinen Baumstumpf oder sonst etwas mit dem Anker einfangen. Der Uferbereich ist voll damit. Außerdem hoffen wir, dass die Insekten abends wegbleiben.

Vor Wind und Wellen sind wir hier gut geschützt, aber kurz nach Schulbeginn gegen 14.00 Uhr fliegt der erste Düsenjet im Tiefflug über uns hinweg, 45 Sekunden später der nächste und der nächste und der nächste usw. Wir gucken uns an und fragen uns: „Wie viele haben die Amis denn davon?“. Es reißt nicht ab und irgendwann sage ich zum Scherz: „Das sind bestimmt nur 4 Stück und die fliegen im Kreis“. Wir beobachten die Flieger… und es sind nur 3! Hier ist militärisches Übungsgebiet. Es gibt immer mal kurze Pausen, aber den ganzen Nachmittag bleiben uns die Flieger bis gegen 17.00 Uhr erhalten.

Jeder einzelne fliegt mit einem Lärmpegel von 100 dB über uns hinweg (gemessen mit der iPhone-App). Zwischendurch sitze ich mit Gehörschutz im Cockpit und lese. Dafür bleiben wir aber nachts von den Insekten verschont.

Dienstag 24.10.2017

Der starke Wind von vorne steht wie erwartet den ganzen Tag durch. Ab und zu regnet es. Wir mögen nicht gegenan fahren und bleiben wie geplant hier. Am späten Vormittag setzen die Kampf-Jets wieder ein, aber dieses Mal nur 1,5 Stunden. Wir freuen uns schon, aber wie sich später herausstellt: zu früh! Denn heute ist Nachtflug-Übung angesetzt und nach Sonnen-Untergang geht es wieder los. Wir befürchten schon das Schlimmste, aber gegen 21.00 Uhr ist dann doch Ruhe. Dafür kommen heute die Insekten wieder, denn der Wind hat jetzt nachgelassen.

Mittwoch, 25.10.2017

7.00 Uhr! Anker auf! Unsere Befürchtung, dass wir doch irgendwo einen Baumstumpf mit unserem Anker erwischt haben, bewahrheitet sich glücklicherweise nicht. Wir fahren einen langen kerzengeraden Kanal mit genau einer Brücke als Engstelle und genau dort bzw. kurz dahinter kommt uns der einzige Schlepper entgegen, den wir in den letzten Tagen gesehen haben. 🙂 Er hält sich stur in der Mitte und wir schleichen ganz langsam am Rand an ihm vorbei. Gegen Mittag können wir auf dem Purgo River tatsächlich für 2 Stunden die Segel setzen, bevor wir im „Long Creek“  in der Bonner Bay nach 56 sm den Anker fallen lassen.

Donnerstag 26.10.2017

Heute wollen wir es bis nach Beaufort schaffen. Wider Erwarten haben wir Segelwind um 20 Knoten und auch die Richtung passt. Mit 8 Knoten und mehr rauschen wir bis zum Adams Creek und selbst ich bin jetzt wieder mit dem ICW versöhnt. Immer wieder erstaunlich, was 2 oder 3 Stunden segeln für die Seele tun können. 😉 Im Adams Creek selbst ist es dann fürs Segeln zu eng. Außerdem sind hier im Fahrwasser jede Menge trawlende Fischer unterwegs, die kreuz- und quer fahren und das enge Fahrwasser mit Ihren Netzen noch weiter einschränken. Sie überholen, lassen sich dann wieder zurückfallen, überholen wieder und so weiter. Sie erfordern ständige Aufmerksamkeit des Rudergängers, wie der gesamte ICW. Als wir gegen 15.00 Uhr in Beaufort / Morehead City ankommen, sind wir froh, den Kartenplotter im Cockpit zu haben. Mindestens an 2 Stellen ist die Betonnung irreführend und wir wären geradewegs auf ein Flach geleitet worden, aber so ist alles gut gegangen. Der Anker fällt neben dem Harbour Channel in Morehead City. Wir brauchen nicht einkaufen und wollen morgen früh sofort weiter.

Freitag 27.10.2017

Wir haben heute nur eine bewegliche Brücke vor uns. Wir wollen Meilen machen. Aber es wird anders kommen. Während wir bisher auf dem ICW meist durch extrem einsame Landschaften mit Wald und Sumpf gefahren sind, überwiegt ab hier das Marsh-Land. Eine willkommene Abwechslung! Zur Backbord-Seite: Natur und Marshland, zur Steuerbord-Seite: schöne Häuser mit Ihrem eigenen Steg.

Auch der Bootsverkehr nimmt zu! Hier gibt es wieder viele Anglerboote, die leider nicht so sanft überholen, wie die Cruiser es weiter oben gemacht haben. Sie donnern vorbei und produzieren Wellen, was das Zeug hält. Als ein Segler einen Motorboot-Fahrer via Funk auf die teilweise gefährliche Schaukelei aufmerksam macht, kontert dieser nur mit: „I know it! I know it!“ Das ist nicht nett, aber was soll´s? Gegen 9.00 Uhr kommt uns eines der Motorboote entgegen, welches wir weiter oben im ICW schon getroffen haben. Auf dem AIS sehen wir, dass er nun außen herum über den Atlantik fährt. Warum nur? NOCH wissen wir das nicht. Über Funk hören wir immer wieder die Ankündigung der Coastguard bezüglich der Einrichtung einer „Sicherheitszone“. Details könnten wir wieder auf einem US-UKW-Kanal abhören, den unser Funkgerät aber immer noch nicht kann. Wird schon nicht uns betreffen, denken wir. Gegen 12.00 Uhr sind wir am Eingang einer Militär-Übungszone. Hier wird man von Patrouillen-Booten abgefangen, wenn gesperrt ist, außerdem stehen Warntafeln hier, die Lichtzeichen geben, wenn die Zone „heiß“ ist. Wir sehen nichts und fahren zunächst weiter, bis uns ein Motorboot entgegen kommt und mitteilt, das die Drehbrücke 5 Meilen weiter erst um 17.00 Uhr wieder öffnet. Militär-Übung! Na toll! Dann können wir auch hier vor der „Gefahrenzone“ ankern und warten. Hier ist wenigstens Platz und schön ist es auch! Jetzt wissen wir auch, warum der Motorbootfahrer heute Morgen gedreht hat. Er hat die Information über Funk wahrscheinlich abrufen können. „Take it easy!“

Während wir hier ankern und warten, kommen andere Schiffe vorbei, die sich entweder dazu legen oder weiterfahren und näher an der Brücke ankern wollen. Bis 15.00 Uhr halten wir das aus, dann kribbelt es zu sehr. Was ist, wenn die Brücke doch früher wieder öffnet? Dann kriegen wir das hier womöglich gar nicht mit. Wir wollen auch näher ran und nehmen viel zu früh Anker auf. Denn trotz langsamer Fahrt sind wir um 16.20 Uhr schon vor der Brücke, die natürlich noch nicht öffnet. Wir lassen den Anker noch mal fallen und bekommen eine Privat-Vorstellung der gepanzerten Amphibien-Fahrzeuge, die direkt hinter uns in den Fluss einfahren.

Letzten Endes öffnet die Onslow-Brücke erst um 17.25 Uhr und es haben sich jede Menge Schiffe versammelt, für die es wegen der späten Stunde nur noch 2 mögliche Tagesziele gibt, denn in 45 Minuten wird es dunkel: die Hammock-Bay in 3,5 sm oder eine weitere Seemeile dahinter eine Marina. Jeder will der erste sein: Also: Brücke dreht! Hebel auf den Tisch! Das hatten wir doch schon mal?!? Im Vorbeifahren hören wir noch wie der Kolonnenführer des Militärs mit dem Brückenwärter für den nächsten Tag (ein Samstag) eine weitere Sperrung von 7.00 bis 17.00 Uhr bespricht. Man stelle sich vor, man muss den ganzen Tag davor warten!!! Die Eile hinter der Brücke war jedoch unbegründet. Die Hammock-Bay ist groß genug, um alle Schiffe aufzunehmen.

Samstag 28.10.2017

7.00 Uhr Anker auf. Wir sind nicht die ersten. Einige sind schon weg und die anderen sind im Aufbruch. Wir gehen als siebtes oder achtes Schiff ins Rennen. Glücklicherweise habe ich am Vorabend noch zufällig in den Garmin-Karten gesehen, dass kurz hinter dem Ankerplatz eine Versandung mitten im Fahrwasser ist. Hier muss man wirklich sehr früh vom Kurs abweichen und sehr nah an Land heranfahren, damit die Sandbank vermieden wird. Wir sehen die Schiffe vor uns den Haken schlagen und sind gewarnt. Ein anderes Schiff sitzt bereits auf. Er war vermutlich heute Morgen der Erste beim Anker auf! Weil aber so gar keine Bewegung auf dem Schiff zu sehen ist, vermuten wir, dass er den örtlichen Abschlepp-Service „Tow-Boat“ schon gerufen hat und deswegen nichts weiter unternimmt. Wir tun es den anderen nach und schleichen im Zickzack am Grundlieger vorbei.

Wir müssen uns beeilen! Wir haben heute 3 bewegliche Brücken vor uns. Die erste nach 15 sm in Surf-City öffnet zur vollen Stunde. Wir schaffen sie um 10.00 Uhr. Die nächste (Figure Eight Island) ist etwas über 14 sm entfernt und öffnet zur vollen und zur halben Stunde. Wir könnten das in 2 Stunden schaffen, wenn wir beide Motoren laufen lassen, aber wir lassen es etwas langsamer angehen und nehmen die Brücke um 12.30 Uhr. Das war ein FEHLER, denn die nächste Brücke in Wrightsville ist nur 5 sm entfernt und öffnet wieder nur zur vollen Stunde. Jetzt haben wir 1,5 Stunden Zeit für 5 sm, die wir normalerweise ganz locker in 60 Minuten schaffen. Erst um 14.00 Uhr können wir hier passieren. Unser Tagesziel in Southport ist damit kaum noch zu schaffen.

Zunächst ärgern wir uns etwas, aber hinterher sind wir froh. Wir wären nämlich sonst an Carolina Beach vorbei gefahren und hier gefällt es uns so gut, dass wir es am Ende 3 Tage dort aushalten. Die Informationen hinsichtlich Ankermöglichkeiten sind etwas widersprüchlich und wir loten eine Stelle großräumig aus. Da wird es an einem Punkt ganz plötzlich flach und sogar wieder knapp mit unserem Tiefgang. Somit entscheiden wir uns für eine Boje der Stadt und machen dort fest. 20$ pro Nacht sind ein fairer Preis und außerdem haben wir dann die Möglichkeit mit dem Dinghi anzulanden. Das Bojenfeld wird von Randy Simon gemanaged. Ein wirklich liebenswerter Typ, der als Vietnam-Veteran auch viel zu erzählen hat. Das Town-Dock, wo die Dinghis normalerweise geparkt werden können, wurde letztes Jahr von Hurricane Matthew zerstört. Deswegen dürfen wir unser Schlauchboot in der Black Mona-Marina festmachen, wo Randy auch sein Hausboot liegen hat.

Sonntag 29.10.2017

Heute soll es viel Wind und Regen geben. Aber wir wollen eh hierbleiben. Randy hat gestern angeboten, dass er uns mit seinem Golf-Cart zum Supermarkt fahren kann. Das nehmen wir heute gerne an.

Der „Food Lion“  ist rund 2 Meilen entfernt. Macht Euch keine Sorgen wegen des Platzes sagt Randy noch. Der Kofferraum ist groß, da geht alles rein. Das lassen wir uns nicht zweimal sagen und machen den Einkaufswagen richtig voll. Blöd ist nur, dass sich nach dem Einkauf herausstellt, dass die elektrische Öffnung der Klappe kaputt ist und Randy den Kofferraum nicht aufbekommt. Er vermutet eine defekte Sicherung und die sitzt – na wo wohl?- im Kofferraum! Was denken sich die Konstrukteure nur dabei? Wir verteilen die Taschen sonst wo im Cart und los geht´s zurück. Während der Rück-Tour springt mehrfach die Hauptsicherung des Cart heraus und auch ein leichter Schwelbrand-Geruch liegt in der Luft. „Sind wir vielleicht überladen““ frage ich. „Auf jeden Fall!“ antwortet Randy, aber mein Angebot auszusteigen und somit für Erleichterung zu sorgen, wird sehr bestimmt abgelehnt.

Am Abend gehen wir noch zum Strand und genießen das, was uns jetzt doch langsam wieder gefehlt hat: Ozean, Wellen und sauberer Sand-Strand.

Montag 30.10.2017

Der Morgen ist immer noch windig und vor allen Dingen kalt. Da bleiben wir einfach noch einen weiteren Tag und gehen noch mal zum Strand.

Als Randy am Abend kassieren kommt, wechseln wir noch ein paar Worte. Er empfiehlt uns, einen Abstecher nach Bald Head Island zu machen. Das liegt an der Ausfahrt zum Atlantik, wo wir sowieso hinwollen, denn vom ICW haben wir erstmal genug gesehen. Jetzt wollen wir mal wieder segeln und den Autopiloten steuern lassen, auch wenn es bedeutet, die Nacht bis Charleston durchzufahren. Randy verabschiedet sich mit den Worten: „Wenn die Hälfte der Menschheit so wäre wie Deine Familie und Du, dann wäre vieles besser. Aber nur, wenn die andere Hälfte so ist wie ich“. Das nehmen wir mal als Kompliment!

 

Dienstag 31.10.2017

Bald Head Island kann nur mit der Fähre oder mit dem eigenen Schiff erreicht werden. Autos sind verboten und nur für Handwerker erlaubt. Es gibt rund 170 Einwohner, die alles mit dem Golf-Cart erledigen. Es hört sich verlockend an, wir wollen uns das ansehen! Die 15 sm bis Bald Head Island haben wir mit ablaufendem Wasser in 2,5 Stunden geschafft. Wir sind zunächst etwas irritiert, weil die Einfahrt der Marina selbst aus 0,5 sm Entfernung noch nicht auszumachen ist. Wir sehen auch keine Masten! Ist dort überhaupt eine Marina? Sind wir auf dem richtigen Weg? Erst ganz kurz vor der Einfahrt wird deutlich, wo es lang geht. Bis dahin fährt man vertrauensvoll geradewegs mit starkem Ebbstrom auf Steinschüttungen zu, die als Breakwater (Wellenbrecher) dienen.

Schon beim Festmachen erkennen wir, dass es uns hier gefallen wird. Wir fackeln nicht lange und mieten noch am gleichen Nachmittag ein Golf-Cart, um die Insel zu erkunden, denn morgen soll es ja eigentlich schon weiter gehen. Aber daraus wird nichts! Uns gefällt es hier so gut, dass wir gerne noch einmal 57,-$ Hafengeld für einen weiteren Tag in Kauf nehmen. Was Anja nicht weiß ist, dass ich auch deswegen so schnell einer Verlängerung zustimme, weil der Segelwind am Donnerstag besser sein soll als am Mittwoch. 🙂

Mittwoch, 01.11.2017

Anja hat eine neue Lieblings-Insel. Die Häuser sind abwechslungsreich und durchweg schön.

Der nahezu umlaufende Strand ist eine Wucht und der Urwald in der Mitte der Insel ist spannend. Auch hier stehen Häuser, versteckt zwischen den Bäumen.

Und vieles ist zu verkaufen, leider mit Preisen zwischen 1 Mio. und 8 Mio. nicht in unserer Preisklasse. 🙂

Wir radeln mit unseren Fahrrädern über die Insel, genießen die Atmosphäre und besichtigen den 200 Jahre alten Leuchtturm mit Museum.Der Ausblick von oben über die Insel ist toll.

Das „Cape Fear“, welches die Insel mehr oder weniger darstellt, hat vorgelagerte Untiefen, die bis zu 40 km in den Atlantik hinein ragen. Sie werden auch „Friedhof des Atlantiks“ genannt, weil hier in der Vergangenheit hunderte von Schiffen verloren gegangen sind. Ein Strandbesuch rundet den Tag ab.

Donnerstag, 02.11.2017

Wir wollen nach Charleston segeln, welches rund 130 sm entfernt ist. Dafür brauchen wir etwa 24 Stunden. Deswegen wollen wir gegen Mittag los, so dass wir nach vorne und nach hinten ausreichend Zeit haben und nicht im Dunkeln ankommen müssen. Als ich morgens den Wetterbericht abrufe, kriege ich eine Krise. Von wegen mehr Wind am Donnerstag! Jetzt ist er ganz weg! Erst am Samstag besteht wieder eine Chance. Das darf doch nicht wahr sein. Aber alles Bitten und Betteln hilft nichts: Anja lässt sich nicht erweichen: „Wir fahren heute!“, sagt sie. „Wer weiß, was am Samstag wieder ist.“ In meinem Innern weiß ich, dass sie Recht hat und stimme grummelnd zu.

Wir müssen noch Diesel tanken. Als ich um 10.00 Uhr vor dem Ablegen nur noch schnell Müll wegbringen will, läuft die erste Motor-Superyacht ein und legt sich auf die eine Seite der Tankstelle. Direkt dahinter folgt eine etwas kleinere Motoryacht und geht an die andere Seite. Na gut! Müssen wir halt einen Moment noch warten. Als die erste Motoryacht fertig ist, kommt eine LKW-Fähre in den Hafen und legt sich genau schräg vor unseren Liegeplatz. Sie hält Ihre Position am Dock mit eingelegtem Vorwärtsgang. Das heftig aufgewirbelte Wasser macht ein Ablegen für uns zu gefährlich. Wir müssen also auch das Be- und Entladen dieser Fähre noch abwarten. Alles in allem dauert es noch 1 Stunde bis wir endlich an die Tanke können. Ich muss nicht sagen, dass wirklich NIEMAND in den letzten beiden Tagen getankt hatte und auch die LKW-Fähre heute zum ersten Mal auftauchte. Ich fühle mich an eine deutsche Autobahn-Tankstelle erinnert: Rappelvoll, wenn man drauffährt, aber menschenleer, wenn man selbst fertig ist. 😉

Die Ausfahrt aus dem Hafen ist bei 3 Knoten Querstrom noch einmal spannend, aber machbar.

Die Überfahrt nach Charleston verläuft unter Motor relativ unspektakulär. Gegen 15.00 Uhr fangen wir noch einen schönen Thunfisch und können die Angel weglegen. Der Thunfisch reicht wieder für 2 Tage und wir wollen nur fangen, was wir auch essen können.

Erst am Freitagmorgen gegen 5.20 Uhr können wir den Motor für 2,5 Stunden ausmachen und die letzten 13 Seemeilen bis zur Einfahrt nach Charleston segeln. Aber immerhin – das ist wieder gut für die Seele! Vor Charleston ankern wir im Ashley River und treffen die Eleonore wieder.  Für 5,-$ pro Tag können wir in der gegenüber liegenden Marina mit dem Dinghi anlanden und Charleston erkunden. Erst nachdem der Anker liegt, erfahren wir, dass der Ankergrund hier sehr unrein sein soll. Viele Anker seien schon verloren gegangen, weil irgendein Schrott eingefangen wurde. Drückt uns die Daumen, dass wir unseren wieder hochbekommen!

Wir sind nun fast auf 32° nördlicher Breite angelangt und können uns wieder etwas mehr Zeit lassen. Viel weiter südlich dürfen wir aus versicherungstechnischen Gründen vor dem 15.11. nicht sein, denn offiziell ist noch Hurricane-Zeit! Also bleiben wir einfach noch ein paar Tage hier.

 

 

 

[ssba]

2 Kommentare

  • Annika

    9. November 2017 at 22:10 Antworten

    DA ist er! Der erste Beitrag bei dem ich nicht neidisch bin, dass ihr auf der anderen Seite der Welt seid und ich im kalten Deutschland sitze. 🙈 Dieses ganze Brückengedöns, Aufsetzen, „Autobahnverkehr“, bissige Insekten und natürlich das Motoren wäre absolut nichts für mich.
    Aber selbstverständlich sind die Daumen für den Anker gedrückt 🙂

    • Andre Schulz

      20. November 2017 at 4:04 Antworten

      Natürlich ist das Motoren nichts für Dich! Du bist meine Tochter! 🙂

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