Irgendwie haben wir uns Amerika voller vorgestellt – Der Weg nach New York 12.08.bis 21.08.2017

Wieder einmal hat ein Paket viel mehr Zeit gebraucht als ursprünglich angenommen. Nach 4 Tagen Wartezeit hat die Werft am Donnerstag festgestellt, dass bei der Bestellung unserer Öl-Ablassschrauben wohl doch etwas schief gegangen ist. Sie sind noch gar nicht unterwegs. Daraufhin werden sie per „Über-Nacht-Express“ noch einmal geordert und wir halten Sie am Freitag-Nachmittag endlich glücklich in den Händen. Für das Kranen ist es heute nun wieder zu spät. Müssen wir also noch das ganze Wochenende hier an Land stehen?

Glücklicherweise hat der Werftchef Keith ein Einsehen und krant uns höchstpersönlich ausnahmsweise am Samstag-Morgen gegen 7.00 Uhr ins Wasser zurück. Anschließend wollen wir am Steg noch kurz die Trinkwasser-Tanks füllen und dann Deltaville verlassen. Es wird Zeit!

Während die „Step By Step“ noch in den Gurten hängt, checken wir hinsichtlich eventueller Lecks. Was wir nicht prüfen, ist der Kühlwasser-Fluss der Motoren. Das werden wir schnell bereuen….

Nachdem Keith das Schiff komplett ins Wasser gelassen hat, werden wir zügig aus der Krananlage herausgeschoben. Wir starten die Motoren. Steuerbord ist alles ok, aber Backbord kommt kein Kühlwasser aus dem Auspuff. Wir müssen den Motor so schnell wie möglich wieder abstellen. „Halt! Stopp!“ schreie ich noch, aber es hört niemand und schon sind wir ohne Landverbindung. Wir hoffen, dass der Wasserfluss vielleicht doch noch in Gang kommt. Als das nicht passiert, entscheiden wir, mit einem abgestellten Motor ein paar Meter weiter draußen den Anker zu werfen und in Ruhe nachzusehen.

Als wir draußen ankern, fällt uns ein, dass Robin noch an Land in der Marina-Lounge sitzt. Oups! Der wird sich wundern, wenn er uns nicht am Steg findet. Wir schreiben ihm schnell eine WhatsApp und erhalten die Antwort: „Lasst euch Zeit“. Ob das an dem guten WLAN in der Lounge liegt? 😉

Das Motor-Problem ist schnell gefunden: Als wir an Land standen, ist zu viel Luft in den Kreislauf eingedrungen und die Pumpe hat es nicht geschafft, genug Wasser anzusaugen. Als der Kreislauf wieder in Gang ist, verholen wir an den Steg zum Wasser tanken.

Hat der Gummi-Impeller der Seewasserpumpe durch den Trockenlauf wohl Schaden genommen? Eine Überprüfung dessen würde uns weitere 1,5 – 2 Stunden kosten. Außerdem regnet es. Wir hadern sehr… und entscheiden -zum Glück-, dass wir nachsehen. Der Impeller ist tatsächlich beschädigt und wir müssen ihn vor der Weiterreise noch austauschen.

Um 11.20 Uhr können wir dann endlich los. Diesmal ist Robin auch an Bord.  🙂

Unser Plan hat sich wieder einmal geändert: Wir verschieben Washington auf die Rückfahrt, weil wir zunächst New York und eventuell Boston besuchen möchten, bevor es dort oben zu kalt wird .Wir werden in einigen Tages-Etappen die Chesapeake-Bay hinauf fahren, um dort oben über den C&D-Kanal (Chesapeake & Delaware-Kanal) zunächst in die Delaware Bay zu kommen.

Anja hat einige vielversprechende Ankerplätze herausgesucht.

Samstag, 12.08. Deltaville – Mill Creek (20 Seemeilen)

Unspektakuläre Fahrt mit achterlichem Wind. Gut 50% des Weges können wir segeln. Die verzweigte Einfahrt nach Mill Creek ist spannend, aber gut betonnt. Wir finden eine geräumige Bucht mit viel Grün und wenig Zivilisation. Ein sehr idyllisches Plätzchen. Am Abend liegen Anja und ich im Netz auf dem Vorschiff und werden von Robin königlich bedient, weil wir Hochzeitstag haben.

Sonntag, 13.08. Mill Creek – Patuxent River (Leason Cove) (47 Seemeilen)

Schöner Segelwind mit 10-13 Knoten. Leider genau von vorn. 🙁 Dazu kommt, dass wir extra bei Ebbe losgefahren sind, damit uns die Strömung schiebt. Aber leider haben wir nicht geprüft, wann und wo die Strömung wirklich kippt und müssen die ersten 4(!) Stunden gegen Wind, Welle und Strömung motoren. Gerade an der Ecke von „Smith Point“ macht das keinen Spaß. Erst gegen Nachmittag als wir unser eigentliches Tagesziel am „Honga River“ schon erreicht haben, wird es angenehmer.

Unterwegs kommen wir an einem alten Frachter vorbei, der vor Anker liegt und von der Army für Schießübungen genutzt wird.

Jetzt aufhören? Nein! Jetzt wollen wir auch weiter und steuern den „Patuxent River“ an. Von dem Ankerplatz dort versprechen wir uns mehr. Auf der Weiterfahrt entdecken wir auch endlich die Ursache für den seit Tagen immer mal wiederkehrenden Benzingeruch an Bord: Im Steuerbord-Bug hat einer der Benzinkanister ein Loch bekommen und hat sich bereits zur Hälfte entleert. Da haben wir Glück gehabt, dass es keine Funken gegeben hat.

Gegen Abend finden wir wieder ein idyllisches Plätzchen mit viel Natur, diesmal inmitten einer kleinen Bucht, die beschaulich von Einfamilienhäusern eingerahmt ist. Das ist nach Deltaville und Mill Creek nun schon der dritte Ort, wo Anja und ich uns ansehen und sagen: „Irgendwie haben wir uns Amerika viel voller vorgestellt!“ Es ist sehr schön hier in der Chesapeake Bay und wenn es etwas auszusetzen gibt, dann ist es die Tatsache, dass wir in dem braunen Wasser nicht schwimmen mögen und dabei täte eine solche Abkühlung am Nachmittag doch so gut.

Montag 14.08. Patuxent River – Rhode River (bei High Island) (40 Seemeilen)

Kein Wind! Wir motoren. Unterwegs wieder viel schöne Landschaft.

Das ist mal ein Leuchtturmhaus.

Am Nachmittag ankern wir in einer Bucht, die von der Landschaft her wie eine deutsche Talsperre aussieht. Ich fühle mich an die heimische „Bever-Talsperre“ erinnert. Das bewölkte Wetter passt auch dazu.  🙂

Dienstag 15.08. Rhode River – Still Pond (36 Seemeilen)

Wieder kaum Wind, aber seit Tagen ist es heiß und gewittrig. Wir beobachten schon seit einigen Stunden die Wolkenformationen im Nordwesten. Um 14.15 Uhr werden wir aufgeschreckt: Das Handy macht ein völlig unbekanntes Alarmgeräusch und das Display blinkt. „NOTFALL-WARNUNG“! Das habe ich mit meinem iPhone noch nie gehabt. Die Meldung selbst: „Flashflood-Warning in this area. Don´t go to flood-threatened locations“. Wir wissen nicht, was uns das sagen soll und sind ein bisschen nervös, während die Wolken dunkler und dunkler werden. Nach weiteren 20 Minuten wissen wir es. In kürzester Zeit dreht der Wind um 180° und nimmt auf knapp 30 Knoten zu und es regnet ungefähr eine halbe Stunde wie aus Kübeln. Unser Ölzeug kommt nach langer Zeit mal wieder zum Einsatz. Wir haben den ganzen Tag über Funk Ankündigungen für die „obere Chesapeake-Bay“ gehört. Leider konnten wir die eigentliche Meldung nicht abhören, weil unsere deutschen Funkgeräte die nötige Frequenz nicht können.

Gegen 17.00 Uhr erreichen wir unseren Ankerplatz „Still Pond“ und der „stille See“ nimmt es wörtlich. Hier ist es sehr ruhig.

Bis um 17.00 Uhr die Coast Guard auf Ihrem Nach-Hause-Weg entscheidet, die „Step by Step“ mit einem Boarding zu überprüfen. Ein Officer kommt an Bord und prüft die Papiere. Das ging sehr schnell und so weit so gut. Das Patrouillen-Boot hat ein paar Meter entfernt gewartet. Nun kommt es wieder längsseits, um den Boarding-Officer abzuholen und beim Abfahren passiert es dann: Der Steuermann passt hinten nicht auf und kratzt mit einem metallischem Schutzbügel an unserem Rumpf entlang. Er zerkratzt auch eines der großen Fenster, die bei uns im Rumpf eingesetzt sind. Na super! Gerade diese Fenster sind ein sehr drucksensibler Bereich bei unserem Schiff.

Nachdem ich die Herrschaften überzeugt habe, dass sie das waren, bekommen wir einfach ein einseitiges Formular zum Ausfüllen. Interessanterweise kann man darauf Todesfälle, Verletzungen und Eigentums-Beschädigungen geltend machen. Für Todesfälle hätten wir mehr Papierkram vermutet. Die Coast-Guard zieht mit etwas gedrückter Stimmung von dannen. Später untersuchen wir das Fenster in Ruhe und wir können keine elementaren Schäden ausmachen. Wir werden es auf sich beruhen lassen. So ein Souvenir hat bestimmt auch nicht jedes Schiff. 🙂

Wir haben es nicht mehr weit bis zum C&D-Kanal. Wir können erst am Samstag mit günstigem Wetter für die Delaware Bay rechnen. Also haben wir etwas Zeit und bleiben am Mittwoch im „Still Pond“. Leider kommt morgens gegen 9.00 Uhr ein Ferien-Club mit zwei Speed-Booten und bietet seinem Urlaubern Wasserski-Kurse an. Obwohl die Boote meistens etwas Abstand halten, wird es irgendwann am Nachmittag doch nervig für uns. Wir erkunden die Nachbarbuchten mit dem Dinghi.

Donnerstag, 17.08. Still Pond – Ford Landing (14 Seemeilen)

Kein Wind! Ford Landing ist eine riesengroße, aber flache Bucht. Wir müssen schon sehr weit draußen bleiben, damit wir auf 1,90 Meter bei Niedrigwasser ankern können. Robin und ich erkunden mit dem Dinghi. Große Landabschnitte sind als privat gekennzeichnet. Dort dürfen wir nicht an Land gehen. Ford Landing ist also nur als Zwischenstopp für eine Nacht zu gebrauchen.

Freitag, 18.08. Ford-Landing – Reedy Island (24 Seemeilen)

Gegen Mittag brechen wir auf, damit wir im Chesapeake- und Delaware-Kanal die richtige Strömung haben. Wir haben letzte Woche unsere Lektion gelernt… Die Literatur warnt vor der Großschifffahrt dort. Der Kanal soll einer der meistbefahrenen der Welt sein. Wir sehen nicht einen einzigen Frachter auf der Strecke. J Die Durchfahrt erinnert ein wenig an den Nord-Ostsee-Kanal. Ein paar Brückendurchfahrten gibt es, aber auch die „Conrail-Bridge“, eine Lift-Eisenbahnbrücke, ist offen.

Direkt hinter dem Kanal wollen wir bei „Reedy Island“ ankern, damit wir morgen, am Samstag, die berüchtigte Delaware-Bucht passieren können. Wir haben gehört, dass bei Reedy-Island schon einige Anker verloren gegangen sind, weil sie auf dem Grund irgendwelche Kabel oder sonst etwas gefangen haben. Deswegen benutzen wir eine Trippleine mit Boje, damit wir den Anker zur Not damit befreien können. Die Strömung am Ankerplatz ist enorm. Das Schiff richtet sich nicht nach dem Wind aus.

Am Abend wird über Funk vor schweren Gewittern mit Sturm gewarnt. Da sehen wir die dunklen Wolken auch schon und der Wind nimmt zu. Er kommt von hinten. Es reicht aber nicht, um das Schiff zu drehen, sondern wir werden über unseren Anker geschoben. Unsere Ankerkette geht also zwischen den beiden Rümpfen nach hinten weg. Die Tripp-Boje ist verschwunden und jetzt müssen wir uns eher Sorgen machen, dass wir uns in der Leine verwickeln. Mist! Was jetzt? Wir versuchen noch vor dem einsetzenden Gewitter, das Schiff mittels Motorkraft zu drehen…Keine Chance! Die Strömung ist zu stark. Wir können nur abwarten was passiert und hoffen, dass der Anker hält und wir uns nicht in unserer eigenen Leine verfangen. Das Gewitter ist zwar heftig, aber alles geht gut. Das nächste Mal ankern im Strömungsbereich also ohne Boje… Dafür werden wir noch mit einem schönen Regenbogen belohnt.

Samstag 19.08. Reedy Island – Lewes Beach (49 Seemeilen)

Die Delaware-Bucht ist deswegen so gefürchtet, weil sie eine sehr starke Gezeitenströmung von rund 3 Knoten hat und sehr flach ist. Wenn Wind und Strömung unterschiedliche Richtungen haben, baut sich sehr schnell eine sehr grobe Welle auf. Gegen die Strömung von 3 Knoten gegenan zu fahren, hat mit einem Segelboot, welches gerade 5-6 Knoten im Durchschnitt fahren kann, schon mal gar keinen Zweck. Sinnvolle Zwischenstopps gibt es auf der 50 sm langen Strecke nicht und man fährt meistens weit vom Land entfernt. Es gibt also auch nichts zu sehen. Eine Menge an Großschifffahrt rundet das Paket ab.

Wir müssen also zur richtigen Zeit losfahren, damit wir die Strecke an einem Tag schaffen können. Gegen 10.00 Uhr ist Hochwasser bei Reedy Point. Um 9.00 Uhr fahren wir los und fühlen uns gegen Mittag wie eine Motoryacht. Beide Motoren beschleunigen uns auf rund 7 kn, hinzu kommen 3,5 bis 4 Knoten Strömung, so dass wir große Strecken mit 10 bis 11 Knoten über Grund zurücklegen. Nach 7 Stunden sind wir in Lewes ganz im Süden der Bucht.

Es gibt einen langen, schönen Strand und Robin geht sogar schwimmen und sammelt Steine.

Sonntag 20.8. bis Montag 21.8. Lewes – Great Kills (New York – Staten Island) (135 Seemeilen)

Lewes Beach gefällt uns sehr gut.  Auch der Ort selbst ist sehr hübsch und eigentlich wollten wir einen zusätzlichen Tag hier verbringen, denn erst am Dienstag soll guter Wind für die Reststrecke nach New York vorhanden sein. Leider frischt der Nordwind in der Nacht unerwartet stark auf und die Welle an unserem nach Norden ungeschützten Ankerplatz nimmt entsprechend zu. Hier können wir nicht liegen bleiben und weil unerwartet gute Segel-Bedingungen vorhanden sind, entscheiden wir spontan, heute schon den letzten Sprung über Nacht nach New York zu machen.

Gegen 14.00 Uhr verlässt uns zwar der Wind für einige Zeit, aber in der Nacht kommt er zurück, so dass wir immerhin 76 von den insgesamt 135 Seemeilen segeln können. Wir denken am Sonntag-Nachmittag noch über einen Zwischenstopp in Atlantic City nach, entscheiden uns aber wegen der starken Strömung, die wir dort zu erwarten hätten dagegen. Als wir Atlantic City passieren, sind wir froh darüber. Atlantic City wirkt wie ein einziger Vergnügungspark und die Musik schallt 3 Seemeilen zu uns herüber. Das wäre eine sehr unruhige Nacht geworden.

Leider haben wir den ganzen Tag mit hunderten von Fliegen zu kämpfen, die ziemlich schmerzhaft beißen. Robin versucht tapfer, Herr über die Fliegen zu werden.

Die Reststrecke nach Great Kills auf Staten Island (New York City) verläuft ohne besondere Ereignisse.Im Dunst sehen wir schon einmal die Verrazano Narrows Bridge, die Staten Island mit dem Bezirk Brooklyn verbindet. Die Highline von Manhattan liegt noch im Nebel.

Wir liegen hier an einer Ankerboje für 100,-$ / Woche extrem günstig. Im Preis inbegriffen ist ein Tender-Service des Yachtclubs, der uns trocken vom Schiff zum Land und auch wieder zurück bringt. Von hier werden wir uns ins Getümmel stürzen und New York erkunden.

 

 

[ssba]

1 Kommentar

  • Annika

    30. August 2017 at 19:27 Antworten

    Ihr seid in New York!!! Das ist irgendwie total unwirklich. Vor zwei Jahren lag die Seppi 2 noch (gefühlt) in der Suppenkelle und nun ankert ihr in New York! Ich finde es Wahnsinn und ich hoffe, dass es für euch genauso bedeutsam ist. 🙂

    Übrigens seid ihr Schuld, dass ich ganz viele kleine Schockmomente beim Lesen hatte…
    – Robin an Land vergessen?!
    – Benzingeruch?!
    – Schramme im Fenster?!
    – Boje verschwunden?!

    Bitte passt auf euch auf! Bisher habe ich immer gedacht, dass man sich um euch keine Sorgen machen muss… 🙄

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