Langeweile? Da muss mal einer Feuer machen! Atlantik die III., 27.06.-02.07.2018

Mittwoch 27.06.2018, W bis WNW 8-18, Welle um 1m, stark bewölkt, 41 sm, davon 10 mit Motor

Unmittelbar nach dem zweiten Tor für Süd-Korea verlassen wir zunächst die Bar und dann den Hafen von Sao Miguel. 10 Tage waren wir hier und die ganze Zeit war es nahezu windstill und oft war es auch ganz schön heiß. Über das schöne Wetter auf den Azoren wollen wir uns aber nicht beschweren und nun verspricht ein nahendes Tiefdruckgebiet endlich Wind für die letzte lange Passage unserer Reise. Noch einmal rund 800 Seemeilen sind es bis zur portugiesischen Festlandküste. Wir rechnen mit 6-7 Tagen für die Passage.

Noch im Vorhafen setzen wir die Segel. Leider hat es sich in den letzten Stunden immer mehr zugezogen, aber die Wolken bringen den erhofften Wind. Bereits nach einer Stunde müssen wir das 1. Reff ins Großsegel binden. Danach nimmt der Wind zunächst wieder ab und eine weitere halbe Stunde später läuft der Motor. Wir sind in der Abdeckung des Insel-Berges. Aber die Dauer der Flaute ist zum Glück absehbar und kaum haben wir die mittlerweile komplett wolkenverhangene Insel hinter uns gelassen, ist auch das Reff 1 wieder nötig. Unsere Segelstellung für die erste Nacht!

 

Die Stimmung ist gut

 

Sao Miguel komplett in den Wolken

 

Donnerstag 28.06.2018, NW bis NNE 18-20 kts, Welle um 1,50m, wechselnd bewölkt, 173 sm gesegelt

 

Als ich gegen 4.00 Uhr morgens die Wache übernehme, beginnt es kurz danach zu regnen. 2 Jahre sind wir jetzt schon unterwegs, aber die Tage, an denen wir bei Regen segeln mussten, sind doch sehr selten gewesen. Umso schöner, dass es am Morgen aufklart. Der Wind bleibt uns aus Nord mit 18-20 Knoten erhalten. Wir kommen mit 7.5 bis 8 Knoten Fahrt sehr gut voran.

 

Sprudelnde Heckwelle

 

…und typische Segelstellung für die nächsten Tage / Großsegel gerefft

 

Gegen Abend dreht der Wind etwas nach NNE und es baut sich eine ekelige Welle auf. Diese ist zwar nur um die 2 Meter hoch, aber die Dünung wird von der Windsee überlagert, was zu ganz kurzen Abständen führt. Die „Step by Step 2“ zappelt sich durch die See und die Crew kämpft mit etwas Übelkeit. Die ganze Nacht bleibt das so. Der Wind nimmt noch etwas zu auf 20 – 22 Knoten. Heute Nacht regnet es zwar nicht, aber ich muss mich während der Nachtwache trotzdem mehrmals umziehen, denn zweimal erwischt mich im Cockpit eine überkommende Welle und ich bin von oben bis unten pudelnass. Es ist sehr, sehr selten, dass wir im Cockpit unserer „Step By Step“ von unten nass werden…

 

Freitag 29.06.2018, NNW bis N um 20 kts, Welle um 2m, wechselnd bewölkt, 178 sm gesegelt

 

Auch am nächsten Morgen ist die Welle nicht besser. Neben der Übelkeit macht sich bei der Crew auch Langeweile bemerkbar. Es fühlt sich an, als wären wir schon viel, viel länger unterwegs. Dabei sind es doch eigentlich erst 1,5 Tage. Liegt das wohl daran, dass wir dieses Mal nachmittags losgefahren sind und direkt in die erste Nacht hineingesegelt sind? Gefühlt zählen diese ersten paar Stunden wahrscheinlich wie ein ganzer Tag.

 

Robin in typischer Atlantik-Position

 

Tagsüber klart es ab und zu etwas auf und die Welle nimmt ein wenig ab, aber die Freude ist zu früh. Die Welle ist noch nicht fertig mit uns und bleibt den ganzen Freitag noch unangenehm erhalten. Aber wenigstens kommen wir bei 15-20 Knoten Wind aus N gut voran.

Anja versucht am Abend noch etwas gegen die Langeweile zu tun. Als sie die große Pfanne auf den Gasherd stellt, klebt unsichtbar von unten noch eine Gummi-Anti-Rutschmatte dran, die sofort lichterloh Feuer fängt. Nun macht sich unsere Teilnahme bei der ARC-Rallye 2016 noch einmal bezahlt: Eine Feuer-Löschdecke in unmittelbarer Nähe zur Pantry gehört zur Pflicht-Ausstattung. Damit können wir der Sache schnell Herr werden, obwohl ich 3 Anläufe brauche, bis die Flamme endgültig erstickt ist. Diese Decke kostete nur 7,95 € bei IKEA, hat uns heute aber wohl -mitten auf dem Nord-Atlantik- vor Schlimmeren bewahrt. Wer so eine Löschdecke noch nicht auf seinem Schiff hat –> Dringend nachrüsten!!! So etwas kann jederzeit und überall passieren.

 

Samstag 30.06.2018, NW um 18 kts, Welle 1-2m, meist bewölkt, 174 sm gesegelt

 

 

Halbzeit! Die Langeweile macht sich immer breiter. Draußen ist es nicht so gemütlich. Also sitzen wir meist drinnen und zählen die Meilen. Ich schlage der Crew Alternativ-Routen nach Madeira, zu den Kanaren oder zurück zu den Bahamas vor, aber man ist nicht offen dafür. 🙂

 

Zur Abwechslung scheint hier mal die Sonne

 

Leider haben wir auch nur noch email-Kontakt zu unserem Buddy-Boot „Eleonore“. Sie ist in Sao Miguel zeitgleich gestartet, hat aber bei dem kräftigen Wind täglich rund 40 sm verloren. Ab 80 sm Distanz funktioniert dann aus irgendwelchen Gründen die Kurzwellen-Verbindung zwischen uns auf keiner Frequenz mehr. Thomas kann mich zwar hören, aber ich ihn nicht. Also schreiben wir uns 1-2x täglich.

Auch die Entfernung zur amerikanischen Ostküste ist mittlerweile zu groß. An der Funkrunde „Trans-Atlantic-Net for Cruisers“ kann ich nicht mehr teilnehmen. Aber gut, dass es Intermar gibt! Jeden Tag um 8.00 und 16.30 UTC sind ehrenamtliche OM´s auf 20 Meter (natürlich USB) QRV und bitten mit CQmm zum QSO mit QTH-Meldung und abschließenden 73. Noch Fragen? Amateurfunker werden mich verstehen. 🙂 Nein, im Ernst: Es tut immer wieder gut, unterwegs mit Gleichgesinnten zu plauschen und zu wissen, dass da an Land jemand unsere Position kennt. Am Anfang der Reise haben wir uns etwas schwer getan, entsprechende Funkrunden zu finden, aber mittlerweile haben wir Kontakte und sind froh, die Kurzwellenfunk-Anlage an Bord zu haben. Auch für den Abruf der Wetterdaten hat sich diese gute alte Technik als deutlich zuverlässiger erwiesen als unser „modernes“ Iridium-Satelliten-Telefon.

 

Sonntag 01.07.2018, WNW um 15-20 kts, Welle 1-2m, regnerisch, 148 sm gesegelt

 

 

An der Festlandküste weht im Sommer häufig ein kräftiger Nordwind. Es ist dann sehr schwer in diese Richtung zu kommen. Darum haben wir unseren Kurs etwas nördlich gehalten, damit wir im Falle eines „Portugiesischen Norders“ jederzeit etwas nach Süden abfallen können. Der Wetterbericht sagt jedoch moderate Winde vorher, also können wir jetzt auf direkten Kurs „Cabo Sao Vicente“ gehen. Uwe von Intermar-Funk gibt mir ebenfalls täglich ein Update zum Wetter-Routing. Tolle Sache! Der Kurswechsel führt zusammen mit dem WNW-Wind dazu, dass wir mit Butterfly-Segelstellung vor dem Wind etwas kreuzen. Immer wieder brist es auf 20 kts auf. Als wir auf dem Hinweg zur Karibik in 2016 bei solchen Verhältnissen den Parasailor setzen wollten, haben wir ihn zerrissen. Deshalb bleibt er jetzt lieber in der Tasche.

 

Grau in Grau

Aber bald können wir sagen: „Morgen sind wir da!“

 

Montag 02.07.2018, NW um 7-15 kts, Welle 1,50m, meist bewölkt, 138 sm-davon 92 gesegelt

 

Der letzte Tag auf dem Meer bricht an. Es ist immer noch bewölkt, aber freundlicher als gestern. Noch segeln wir, aber für den Nachmittag ist deutlich abnehmender Wind vorhergesagt. Das Tiefdruckgebiet, welches uns bisher mit 18-22 Knoten hierüber gepustet hat, zieht langsam nach Norden weg und hinterlässt eine schwachwindige Zone.

Lange wehrt sich der Skipper gegen den Motoreinsatz, aber als wir gegen Mittag langsam aber sicher in Richtung des großen Verkehrs-Trennungs-Gebietes kommen, muss auch ich einsehen: Es reicht einfach nicht! Der Motor läuft.

Verkehrs-Trennungs-Gebiete sind so etwas wie Autobahnen für Schiffe. Dort, wo viel Frachter-Verkehr herrscht, wie z.B. am Cabo Sao Vicente, richtet man virtuelle Spuren ein. In denen herrscht dann Einbahnstraßen-Betrieb. Will man diese Spuren kreuzen, so wie wir, weil wir vom Atlantik kommen, darf man das nur im rechten Winkel tun. Außerdem haben die Fahrzeuge im VTG Vorfahrt. Im Klartext: Bleib weg mit dem Sport-Fahrzeug, wenn es irgendwie geht.

Wir machen das und bleiben knapp oberhalb des VTG. Gegen 20.00 Uhr kommt ein 400 Meter langes Container-Schiff mit 22 Knoten auf uns zugeschossen. Wenn wir so weiterfahren, kommen wir uns ins Gehege. Der Wind hat auch wieder etwas zugenommen. Eine gute Gelegenheit, den Motor zu stoppen und unter Segeln erst einmal den Dicken vorbei zu lassen. Wir haben Glück und für den Rest der Strecke haben wir genug Wind in den Segeln.

Wir wollen direkt hinter dem Kap in der Enseada de Belixe ankern. Wenn wir Pech haben, steht dort etwas Schwell. Aber wir wollen es wenigstens versuchen. Kurz vor Mitternacht sind wir da. Bei der Einfahrt sehen wir eine Boje auf der Steuerbordseite. Fischernetze! Wir sind alarmiert! Leider hat die Reparatur der Steckdose für den Suchscheinwerfer nicht gehalten und wir müssen uns unseren Weg wieder mit der Taschenlampe funzeln. Klares Votum für Suchscheinwerfer mit Akku, liebe ARC-Funktionäre. Die wollen das nämlich nicht, weil die Akkus immer leer sind, sagen sie! Eine Boje an Backbord verfehlen wir nur knapp.

Um Punkt 0.00 Uhr liegt der Anker auf 14 Metern Tiefe. Nach 5 Tagen und 7,5 Stunden sind wir in Portugal am Festland angekommen. Wir haben 796 sm gesegelt und sind 56 sm mit Motor gefahren.

Morgen früh sind wir sehr auf den Anblick der umgebenden Steilküste gespannt.

[ssba]

8 Kommentare

  • Lothar

    13. Juli 2018 at 9:27 Antworten

    Hey Glückwunsch, ihr seid wieder in Europa! Freuen uns dass es euch gut geht! Lasst euch an der Algarve etwas Zeit, es lohnt sich. Viele Grüße aus Korfu! Lothar & Natalia

    • Andre Schulz

      13. Juli 2018 at 10:26 Antworten

      Hey Lothar, Euer Reiseblock hat uns schon viele wertvolle Hinweise für diesen letzten Abschnitt gegeben. Vielen Dank dafür. LG an Natalia und Pinky. Macht’s gut!

  • Michael Forkel

    13. Juli 2018 at 9:41 Antworten

    Herzlichen Glückwunsch – alle Achtung für Euren 2-jährigen Abenteuerbootstrip – danke, dass wir teilhaben durften und prima, dass ihr wieder gesund und munter auf dem Festland in Europa angekommen seid!

    • Andre Schulz

      13. Juli 2018 at 10:23 Antworten

      Hallo Michael, vielen Dank. Wir freuen uns auch, wieder in Europa zu sein. Hier ist es auch schön! LG

  • Annika

    13. Juli 2018 at 16:09 Antworten

    Anja ist Schuld für meinen ersten Herzinfarkt inkl. Lachflash! Aber diese ultimative Heldendecke gucke ich mir beim nächsten IKEA-Besuch doch glatt mal an! 😉

    • Andre Schulz

      13. Juli 2018 at 20:50 Antworten

      Hihi,
      wenn die Decken nächste Woche bei IKEA ausverkauft sind, haben wir mehr Leser als gedacht. 🙂
      Wirklich sinnvoll auch in der Küche.
      Übrigens habe ich die Pfanne vorher auf die Anti-Rutsch-Matte gestellt.
      Also war auch das Feuer Teamwork, wie alles hier.
      LG

  • Susanne Freund

    13. Juli 2018 at 20:30 Antworten

    Auch von mir herzlichen Glückwunsch zur erfolgreichen Atlantiketappe. Kaum zu glauben, dass Ihr tatsächlich schon zwei Jahre unterwegs seid.
    Vielen Dank für die tollen Reiseberichte, es gibt doch hoffentlich noch mehr davon?
    Viel Spaß an der Algarve und in Portugal und liebe Grüße aus Wuppertal
    Susanne

    • Andre Schulz

      13. Juli 2018 at 20:48 Antworten

      Hallo Susanne,
      vielen Dank. Ja, es ist kaum zu glauben, wie schnell die Zeit herumgegangen ist.
      Wir werden natürlich bis zum Schluss berichten. 🙂
      Mittlerweile sind wir in Gibraltar angekommen.
      LG Andre

Hinterlasst uns einen Kommentar