Unheimliche Begegnungen in Charleston – 03.11.2017 bis 16.11.2017

Die Bebauung in Charleston sieht genauso aus wie man sich das in einer mittelgroßen Stadt in den Südstaaten vorstellt. Im „französischen Viertel“ scheint die Zeit diesbezüglich irgendwann zwischen 1700 und 1800 stehen geblieben zu sein. Jedes Haus besitzt eine Veranda zur Straße hin und fast überall steht mindestens ein Schaukelstuhl. Man braucht nicht viel, um sich den Pfeife-rauchenden, älteren Herrn mit grauen Haaren dazu zu denken, der den Sonnenuntergang betrachtet und Banjo spielt. Und schon ist das Südstaaten-Bild perfekt.

Halloween

Tatsächlich ist Charleston aber Universitätsstadt und tagsüber trifft man viele junge Leute auf der Straße, die zwischen den Vorlesungen pendeln.

Wir freuen uns, dass wir mit den Elli´s mal wieder etwas Gesellschaft haben und auch Robin freut sich, dass er mit Matthis mal wieder einen Freund zum Lego bauen hat.

Wir werden den Ankerplatz in Charleston allerdings mit gemischten Gefühlen in Erinnerung halten. Während wir am Dienstag-Nachmittag im Salon nichtsahnend unseren Beschäftigungen nachgehen, gibt es auf einmal einen fürchterlichen Rumms und es scheppert. Wir schrecken hoch! WAS IST PASSIERT?

Die Segelyacht eines örtlichen Vereins, nämlich „Veterans on Deck“, ist aus dem Hafen gefahren und wollte sofort Segel setzen. Dabei haben sie die Strömung unterschätzt und sind mit dicht geholtem Großsegel vorne in unseren Steuerbord-Bug geknallt. Und das, obwohl wir mitten im Ankerfeld liegen. Der Steuermann hat noch versucht, mit Maschine-voll-rückwärts den Aufprall zu verhindern, aber leider erfolglos. Unheimliche Begegnung Nr. 1! Beim Lösen wären sie uns fast noch in den anderen Bug gefahren.

Während der verantwortliche Skipper versichert, für jeden Schaden aufzukommen, können seine Crew-Mitglieder den Schaden aus 5-6 Metern Entfernung schon wieder begutachten. „Ein bisschen Politur und gut“, rufen diese. Ich ärgere mich über den Versuch, den Unfall herunterspielen, denn mit Politur kommen wir hier mal gar nicht weiter. Die offensichtlichen Kratzer sind tief und an mindestens einer Stelle ist auf 3 cm Länge das Gelcoat bis zur Glasfaser abgeplatzt. Als ich auf die Beschädigungen zeige, fragt einer doch tatsächlich: „Waren wir das?“

Ganz oben und in Bildmitte sind die Schäden zu sehen

 

Auf die Schnelle kann ich nicht erkennen, ob eventuell noch andere, schwererwiegende Schäden entstanden sind. Deshalb verabrede ich mit dem Skipper, dass er später auf dem Rückweg noch einmal vorbei kommen soll und wir reden weiter. Glücklicherweise finde ich keine weiteren Schäden, denn unsere „Step by Step“ wurde an Ihrer wahrscheinlich stabilsten Stelle, ganz vorne an der Bugspitze, getroffen und konnte vor Anker liegend auch nachgeben, als „Veterans-on-Deck“ herein gefahren ist. Gegen ein mehr oder weniger symbolisches Handgeld regulieren wir den Schaden am nächsten Tag, denn wir haben auch keine Lust wegen dieser Beschädigung tagelang in einer Werft fest zu liegen.

Der Ankerplatz hat sich im Laufe der letzten Tage gut gefüllt und teilweise wird es auch ziemlich eng, wenn die Schiffe in der Strömung hin und her tanzen. An zwei Abenden um Neumond herum ist es bei Ebbstrom besonders schlimm, nachdem es zuvor auch noch stark geregnet hat. Alle Schiffe fahren kreuz und quer am Anker. Kein Schiff bewegt sich wie das andere und immer wieder beobachten wir unsere Nachbarn etwas ängstlich.

Als am Mittwoch gegen Mittag die Strömung kippt, müssen wir unseren Nachbar-Lieger, die „Thistle“ mit dem Bootshaken wegdrücken, weil das Schiff immer näher kommt. Es ist dort gerade niemand an Bord. Unheimliche Begegnung Nr. 2! Nachdem die Schiffe sich wieder ausgerichtet haben, liegt der Nachbar zwar recht nahe (ca. 20 Meter entfernt), aber stabil. Erst einmal ist nichts mehr zu befürchten. Auch wir gehen nun von Bord und erledigen Einkäufe. Wir nehmen einen weiten Fußmarsch in Kauf, um zum Schiffsausrüster „West-Marine“ zu gelangen. Bürgersteige sind in den USA nämlich keine Selbstverständlichkeit. Oft müssen wir am Straßenrand gehen. Wir fühlen uns am Rande des Highways ein wenig fehl am Platze  und das sind wir auch. Als wir dann beim Ausrüster ankommen, finden wir nichts, was uns zum Glück fehlt und gehen nahtlos zum Lebensmittel-Markt über.

Zurück wollen wir eigentlich mit dem Bus fahren, aber den verpassen wir um ein paar Minuten. Der nächste fährt erst in einer Stunde und so lange dauert der Weg ungefähr auch zu Fuß. Also gehen wir zurück. Nachdem wir zurück an Bord sind, ist es dunkel. Ich fahre noch schnell zur „Thistle“ herüber und informiere die Eigner Laura und Malcom, dass Ihr Boot am Mittag sehr dicht gekommen ist. Wir einigen uns darauf, dass wir das für diese Nacht gemeinsam im Auge halten wollen und morgen früh wollen sie dann verlegen. Das ist für uns erstmal ok.

Leider entwickeln sich die Dinge dann doch wieder ganz anders. Ungefähr eine Stunde später haben wir starke Strömung und die „Thistle“ rückt uns auf die Pelle. Gerade als wir denken, dass wir etwas unternehmen müssen, tauchen Laura und Malcolm im Cockpit auf. Wir stimmen uns kurz ab und die „Thistle“ geht Anker auf. Die „Step By Step“ war halt zuerst am Ankerplatz. Ich entspanne mich, als die „Thistle“ gut 10 Meter weg ist und Fahrt aufgenommen hat. Doch plötzlich kommt sie zurück! Ich kann es nicht glauben: Sie hält mit Ihrem Heck vierkant auf unseren Backbord-Bug zu und trifft uns mit Ihrem Zweitanker, den Sie am Heckkorb befestigt haben. Es knallt schon wieder und Anja, die im Salon sitzt, weiß auch nicht, wie Ihr geschieht, denn sie hat die „Unheimliche Begegnung Nr. 3“ nicht kommen sehen, so wie ich draußen.

Das träume ich doch wohl! Zwei Unfälle in 2 Tagen an ein und dem gleichen Ankerplatz. Einmal Steuerbord – einmal Backbord! Malcolm ruft noch erschrocken: „Nichts passiert – nichts passiert!“ Aber leider kann ich das auch dieses Mal nicht bestätigen. Die Unfallspuren sind ähnlich wie gestern, nur dieses Mal auf der anderen Seite. Vor lauter Frust werfe ich noch unseren Bootshaken ins Wasser, mit dem ich vergeblich versucht habe, die „Thistle“ wegzudrücken. Der ist dann auch noch weg.

Wir regeln den Schaden 2 Tage später auf bewährte Art und Weise, aber so kann das nicht weitergehen, wenn wir nicht den ganzen Sommer mit Ausbesserungs-Arbeiten beschäftigt sein wollen. Außerdem sind das ja alles nette Leute, aber wir würden sie viel lieber anders kennen lernen.

Die Eleonore vorne rechts auf Ihrem Ankerplatz

Als wir dann am Sonntag-Morgen, 12.11.2017, Anker auf nehmen, bekommen wir noch bestätigt, das hier viel Müll auf dem Grund liegt, denn mit unserem Anker zieht Anja noch ein Metallgestänge hoch. Das ist glücklicherweise nicht zu schwer, so dass unsere Ankerwinsch das noch schafft (Unheimliche Begegnung Nr. 4). Wir haben da wirklich noch Glück gehabt, denn die Eleonore liegt nur 50 Meter vor uns. Und als die später am Nachmittag zu Ihrem nächsten Ziel aufbrechen wollen, müssen sie das Manöver abbrechen. Ihre Ankerkette hat sich x-mal um einige Baumstämme gewickelt, die auf den Grund liegen. Die Elli´s haben wiederum Glück im Unglück, dass sie sich als passionierte Taucher bei 8 Metern Wassertiefe selbst helfen können. Allerdings ist die Sicht im Wasser gleich Null und die Strömung ist zu stark. Sie brauchen mehrere Anläufe und können erst am Mittwoch weiterfahren. Den Anker können sie retten, aber die verwickelte Ankerkettenlänge müssen sie aufgeben. Wir würden hier im Ashley River nicht wieder ankern.

Ansonsten ist Charleston aber wirklich schön! 🙂

Freundlicher Hinweis bei „Salty Mikes“ – die gut besuchte Hafenkneipe

Wir wollen nach Fernandina-Beach. Das sind ungefähr 160 Seemeilen. Der Wetterbericht sieht Nordwind um 10 Knoten vor, mit Böen um 20. Wir hoffen, mal wieder ein längeres Stück segeln zu können und es passt tatsächlich. Wir haben zwar deutlich mehr Wind mit 18 bis 25 kts, aber nachdem wir uns erst einmal aus dem Charleston-Inlet mit sehr steilen 2 bis 2,5 Meter-Wellen herausgekämpft haben, wird auch die Welle erträglicher und wir können fast den ganzen Weg segeln. Wir müssen am nächsten Morgen sogar Fahrt herausnehmen, damit wir nicht zu früh am Inlet von St. Mary sind. Wir wollen bei den Windverhältnissen auf keinen Fall gegen die Strömung dort hineinfahren.

Am Bojenfeld der örtlichen Marina fahren wir vorbei und ankern ein Stück weiter im Amelia River. So richtig überzeugen kann uns das Panorama mit der dominanten Papierfabrik nämlich nicht, aber wir wollen uns vor allem erstmal sortieren. Leider frischt der Wind immer mehr auf und Dinghi fahren wäre eine sehr nasse Angelegenheit. Wir verzichten daher auf den Landgang. Leider wird das auch am Dienstag der Fall sein, denn dafür ist noch mehr Wind vorhergesagt und regnen soll es auch. Die Nächte vor Anker sind etwas unruhig, weil der Nordwind an unserem Ankerplatz doch einen ordentlichen Fetch hat.

Früh am Mittwoch-Morgen, 15.11.2017, nehmen wir die berüchtigte Passage auf dem ICW gleich südlich von Fernandina in Angriff. Mitten im Fahrwasser sind hier Flachstellen, die nur wenige Zentimeter Wasser haben. Auch bei Hochwasser ist man vor Grundberührungen keinesfalls sicher. Unzählige Skipper müssen sich hier von den Sandbänken schleppen lassen, weil sie „nur“ auf die aktuellsten Seekarten vertrauen.

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass man sich am Vortag unbedingt ALLE Warnungen im „Active Captain“-System anschauen sollte. Das sind zwar sehr viele, aber während der Fahrt erinnert man sich an vieles und kann die versandeten Stellen vermeiden. Für die Nicht-Segler: „Active Captain“ ist ein interaktives Tool für die Garmin Seekarten, in dem Nutzer Ihre Erfahrungen an den Orten hinterlegen können. Das System ist auf dem ICW unser bester Freund geworden.

Aber zurück zu unserer Passage: Die Fahrtrinne wird gerade gebaggert. Das macht es an manchen Stellen noch enger, aber wir haben uns mit Wegepunkten gut vorbereitet und fahren im Zickzack ohne Probleme durch. Aber ohne die Active-Captain-Warnungen hätte es uns hier mit Sicherheit auch erwischt.

Wir können heute nur 25 Seemeilen fahren, weil wir danach den St. Johns-River kreuzen und anschließend in den Pablo Creek einfahren müssen. Im Pablo-Creek gibt es an einer engen Brücke bis zu 6 Knoten Strömung. Die wollen wir weder mit noch gegen uns haben, deswegen verschieben wir die Passage auf Donnerstag-Morgen bei Stillwasser. Wieder so eine Active-Captain-Information. Gerne würden wir für die Nacht das kostenlose Towndock im Sisters Creek nutzen, doch als wir kommen, schiebt der Strom mit rund 3 Knoten und der achterliche Wind von mehr als 20 Knoten ist beim Bremsen auch nicht gerade förderlich. Zum Drehen ist es in dem Seitenarm bei diesen Bedingungen viel zu eng. Also fahren wir erst gar nicht in den Arm herein und entscheiden uns erst einmal für das Ankern vor der Brücke. Eventuell wollen wir später verholen, wenn die Strömung nachlässt. Aber, wenn der Anker erstmal liegt…. Wir bleiben vor der Brücke.

Am Donnerstag fahren wir in den Pablo Creek ein. Auch in dieser Einfahrt sind die Seefahrtszeichen nicht dort, wo sie nach Seekarte sein sollten. Wir folgen dem angeblich neu gebaggerten Weg, können aber die versprochenen 4 Meter Wassertiefe auch längst nicht überall finden. Als wir zu Hochwasser an die erste Brücke des Tages, die Wonderwood-Expressway-Bridge“, kommen, erschrecken wir. Die Höhentafel zeigt nur knapp über 60 Fuß Höhe an! WAS? Wieso? Die garantierte Durchfahrtshöhe soll doch auf dem ICW 65 Fuß sein. Jetzt sind wir froh, dass ich gerade gestern Abend zum x-ten Male unsere Gesamthöhe in Fuß berechnet habe und das waren 58 oder 59 Fuß, also sollten auch 60 Fuß Brückenhöhe passen. Tut es auch! Aber warum ist die Brücke so niedrig? Selbst in Active-Captain ist bei dieser Brücke von mindestens 64 Fuß bei höchstem Normal-Hochwasser die Rede. Die Lösung: Wir haben 3,5 Fuß über höchstem Normal-Hochwasser, also einen guten Meter mehr. Ist zwar wieder alles logisch, muß man aber auch erst mal darauf kommen und vor allen Dingen berücksichtigen, bevor man losfährt. Wieder was gelernt!

2 Seemeilen weiter an der San-Pablo-Atlantic-Blv-Brücke, wo vor der hohen Strömung gewarnt wird, liegt dann noch eine Schute und verengt die Durchfahrt nochmals, aber wir kommen mit einem kräftigen Gasschub im richtigen Moment gut durch. Danach liegen noch zwei oder drei Flachstellen vor uns, die wir aber gut umfahren können. Ansonsten ist der Intracoastal Waterway heute genauso, wie wir ihn uns früher immer vorgestellt hatten. Breit genug und ausreichend Wassertiefe in der Mitte. Die Sonne scheint und wir genießen das Panorama: Steuerbord der Sumpf, Backbord die schönen Häuser mit Steganlagen. Der ICW gefällt uns heute sogar so gut, dass wir am geplanten Tagesstopp „Pine Island“ vorbeifahren. Hier sieht es zwar auch sehr idyllisch aus, aber wir können jetzt gerade sogar ein bisschen mit dem Vorsegel segeln. Also: direkt durch nach St. Augustine? Hier haben wir eine Mooring-Boje für die nächsten Tage reserviert. Wir telefonieren noch kurz, ob wir früher kommen können und fahren dann weiter. Der Wind frischt unterwegs auf 20 kts auf.

Bevor wir auf das Bojenfeld der Municipal Marina können, müssen wir noch durch eine Klappbrücke fahren, die Bridge of Lions. Unser Timing passt und wir kommen um 12.30 Uhr mit durch. Eigentlich wollten wir noch gerne am Marina-Dock Wasser tanken. Aber weil wir uns nicht auskennen, sehen wir lieber auf dem Marina-Plan noch einmal nach, wo wir hin müssen und drehen eine Schleife. In dieser Zeit überholt uns ein Motorboot und 3-mal dürft Ihr raten, wo der hinfährt? Genau! Warten ist bei den Wind- und Strömungsverhältnissen zu nervig, also fahren wir an die Boje und verschieben Wasser tanken auf später. Ein oder zwei Tage kommen wir noch aus.

Anfahrt nach St. Augustine

Bridge of Lion

 

 

 

[ssba]

1 Kommentar

  • Annika

    21. November 2017 at 21:55 Antworten

    Puuuuuh! Ihr müsst ganz dringend wieder in die Karibik… Die Unfälle und die brenzligen Situationen stressen ja sogar mich als Leser!!🙈

    Aber die Bilder von Charleston sind wirklich sehr schön romantisch 😍

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