Weiterfahrt bis zum „Ende der Welt“ oder Ankern im Nebel

Ist der letzte Eintrag wirklich schon wieder eine Woche her? Wie erwartet, hat uns das Starkwind-Gebiet bei Kap Finisterre noch ein paar Tage in A Coruna festgehalten. Nun hat es am vergangenen Freitag aber wirklich bei uns gekribbelt, endlich weiter zu fahren. Wir stellen uns sogar den Wecker, damit wir morgens vielleicht noch einen Windhauch erhaschen können, bevor er dann nahezu ganz einschlafen soll. Wir sind nicht die Einzigen mit der Idee! Der Hafen von A Coruna dürfte am späten Vormittag leer gewesen sein. 🙂 Wir haben Glück und können dank unseres Parasailor-Spinnakers bis zur Mittagszeit tatsächlich noch segeln. Dann ist der Wind weg. Zunächst sah unser Plan vor, dass wir bis ins rund 50 sm entfernte Camarinas fahren, aber jetzt noch 35 sm motoren schmeckt uns nicht. Wir biegen ab in den Ria de Corme y Laxe und finden einen schönen und geschützten Ankerplatz hinter dem Wellenbrecher des Fischerhafens in Laxe.

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Der Anker hält sofort. Hinter uns liegt direkt der Badestrand. Robin und ich zögern keine Sekunde und sobald die Motoren aus sind, gehen wir schnorcheln.

DSC_0049DSC_0066Die Nacht war kalt (15°C)  und die Luftfeuchte sehr hoch. Das Deck ist völlig nass, als wir am nächsten Morgen aufstehen. Wir haben Zeit. Unser nächstes Ziel lautet Camarinas. Das sind nur 20 sm von hier und dort wollen wir die Diana wieder treffen, deren Crew es vorzieht, längere Schläge zu machen und dann einen oder mehrere Tage Pause zu machen. Als wir mit dem Frühstück fertig sind, sehen wir Nebel in die Bucht ziehen.

DSC_0138Wir halten das für einen sehr regional begrenzten Effekt und lichten trotzdem den Anker. Pustekuchen! Der Nebel bleibt, wird sogar noch immer dichter, es ist kalt und feucht. Das Wasser tropft am Rigg herunter. Kein Wind! Wir können der Wetterlage trotzdem etwas positives abgewinnen und üben uns in Radarbilder deuten. Weil wir auf dem AIS immer wieder abgleichen können, klappt das sehr gut und wir fühlen uns nun recht sicher im grundsätzlichen Umgang damit. Gutes Gefühl, auch im dichten Nebel etwas „sehen“ zu können. Ein Segler passiert uns im Abstand von rund 300 Metern. Wir sehen nicht einmal die Umrisse. Die Einfahrt nach Camarinas ist dann auch wieder spannend. Wir runden das Kap nach Plotter und Radar, fahren in die Ria hinein und sehen… NICHTS. Erst als wir schon auf Höhe des riesigen Wellenbrechers sind, ahnen wir die Umrisse. Wir passieren ihn und wie von Geisterhand ist der Nebel verschwunden. Verrückt, aber doch wieder logisch, wenn man sich mit der Physik dahinter beschäftigt. Wir wissen jetzt, dass dieser plötzliche und sehr dichte Küstennebel in dieser Region sehr häufig auftritt. Und zwar dann, wenn warme Luftmassen aus dem Süden auf das relativ kalte Wasser (15°C) hier im Norden trifft. Die feuchte warme Luft kondensiert und schwups: Da isser, der Nebel! Wenn dann in der Bucht die Wassertiefe abnimmt und das Wasser wärmer wird, ist er wieder weg! Wir ankern in der Ria und freuen uns, dass wir so gut hierher gefunden haben. Abends gibt es ein Picknick mit Rotwein, kühlem Bier und Limo am Strand mit der Crew der Diana.

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Als wir am nächsten Morgen den Anker lichten, hängen jede Menge Algen daran. Anja gibt alles, um den Anker und die Kette wieder in fabrikneuen Zustand zu versetzen. Wir setzen sofort die Segel und schleichen bei 2 bft aus der Bucht haraus. Vor uns sind Lothar und Natalie mit Ihrem 40 ft- Katamaran, die wir in A Coruna kennen gelernt haben. Sie haben nur das Vorsegel gesetzt. Wir sind schneller und überholen. Als wir die Bucht hinter uns gelassen haben, frischt der Wind auf gute 4 bft auf und wir rauschen mit 6 kn raumschots (Wind schräg von hinten) dahin. Aber, was ist das? Lothar holt auf! Er hat seinen Parasailor gesetzt. DAS GEHT NICHT! Ich erkläre Anja, dass wir unseren auch herausholen müssen, auch wenn es gerade noch so schön läuft. Wir versuchen es mit stehendem Großsegel. Die Gelehrten streiten sich hier ein wenig. Manche sagen, das Großsegel muß stehen bleiben, damit das spätere Bergen des Spi bei mehr Wind möglich ist. Der Hersteller aber empfiehlt, das Großsegel zu bergen, damit der Spi nicht im Windschatten des Großsegel steht. Wir wissen nun: Der Hersteller hat grundsätzlich Recht! (Das gilt aber nur für den Spi der Marke Parasailor!!!) Wir sind zwar schnell, aber der Parasailor-Spi fällt immer wieder ein. Wir müssen wohl oder übel das Großsegel wegnehmen. Weil wir dafür den Spi bergen und ein Manöver in die Richtung des WIndes fahren müssen, zieht Lothar vorbei. Als unser Spi wieder steht, ist er rund 500 Meter vor und die Boote sind gleich schnell. Wir kriegen ihn nicht mehr. ;-(   Gegen 15.00 Uhr ist der Spass dann wieder vorbei. Erst kommt der Nebel in Sekundenschnelle, dann geht der Wind. Wir bergen das Segel und motoren. Wir runden das mächtige Kap Finisterre mit wenig Abstand und sehen: WIEDER NICHTS!

DSC_0161Wir können uns nun gut vorstellen, warum dieser Küstenabschnitt Costa del Morte (Todesküste) heisst und warum die Menschen Kap Finisterre „das Ende der Welt“ getauft haben. Es kommt jedoch der gleiche Effekt zum Tragen wie gestern. Nach dem Runden des Kaps lichtet sich der Nebel zunächst.

DSC_0213Wir suchen uns eine Bucht ganz hinten im Norden aus und Ankern vor einem schönen Strand.

DSC_0223Wassertemperatur 20°C. Schnorcheln ist angesagt. Gegen 21.00 Uhr kommt der Nebel in die Bucht zurück. Rund um unser Schiff sehen wir gar nichts mehr. Sichtweite später keine 20 Meter.

DSC_0246Das Wasser hier ist warm. Warum hält sich dieser blöde Küstennebel nicht an die oben beschriebene Physik? Die war doch so schön logisch, oder nicht? Das kriegen wir auch noch raus!

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3 Kommentare

  • Annika

    17. August 2016 at 9:02 Antworten

    Hallo ihr Drei,

    Ich musste bei eurem Beitrag sehr grinsen…
    Es ist so typisch für Papa, dass er immer der Schnellste sein muss 😀
    Vermutlich war er auch sehr traurig (inkl. ungläubigen Gesichtsausdruck und obligatorischen Griff an die Stirn), als der Andere an Euch vorbei segelte.
    Da fällt mir doch glatt eine Zeile aus dem Dschungelbuch ein: „Probier´s mal mit Gemütlichkeit, mit Ruhe und Gemütlichkeit“ 😉

    Den Nebel finde ich ziemlich beängstigend ! Ich hätte vermutlich den ganzen Weg ein mulmiges Gefühl gehabt. Das ihr genau dieses Gefühl nicht habt, beruhigt mich wiederum hier Zuhause!

    Ich denke an Euch!

    Liebe Grüße aus der entfernten Heimat! 🙂

    • Andre Schulz

      17. August 2016 at 10:48 Antworten

      Hallo Annika. Der Lothar ist nur vorbeigesegelt, weil wir Manöver fahren mussten. 🙂 Klar, war der Nebel blöd und ungewohnt. Losgefahren wären wir wohl auch nicht, wenn wir geahnt hätten, dass das den ganzen Tag so bleibt und sogar noch schlimmer wird. Aber nun waren wir halt drin und mussten damit irgendwie umgehen. Radar ist wirklich eine tolle Sache.

  • Joachim Neander

    20. August 2016 at 16:39 Antworten

    „will it get some wind for the sailboat“ (Philip Glass: Einstein on the beach, knee play 5)

    Hallo Anja, hallo Andre, hallo Robin,
    als Kollege von Anja („ehemaliger“ schreibt sich so blöd) viele Grüße vom Festland und besten Dank für Eure farbenprächtigen Reiseberichte! Wir hier an Land sind, glaube ich, alle etwas neidisch, aber die Dinge, die Euch zu schaffen machen, können wir ja auch nur ahnen.

    Passt auf Euch auf und habt viel Spaß!
    Liebe Grüße
    Joachim.

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