Woche 2 – „Die große Flaute“ oder „Der Atlantik ist ein Dorf“

 Tag 8:

Morgens berichtet Oliver von der JoEmi von einer Getriebeöl-Leckage. Er hat das Öl auf Lanzarote noch einmal wechseln lassen und nun spritzt es überall im Motorraum herum. Bitte nicht auch noch die JoEmi mit einem elementaren Schaden, denken wir! Glücklicherweise kann Oliver die Situation später in den Griff bekommen. Er ist einige Seemeilen vor uns, hängt nun schon seit gestern Abend in einer Totenflaute und motort Richtung Süden. Wir wissen jetzt bestimmt: die große Flaute wird kommen.

Noch haben wir etwas Wind. Damit wir das Maximum an Geschwindigkeit herausholen, wollen wir die Segelstellung optimieren und ich gehe nach vorne. Als ich an der Steuerbord-Genua-Schot vorbeikomme, ergreift die Leine die Gelegenheit und fegt mir meine gute RayBan-Sonnenbrille vom Kopf und zwar direkt ins Wasser. Mehr als 2 Stunden kompaktes Ärgern ist angesagt.

Am Nachmittag ist es dann soweit! Der Wind ist weg. Wir werfen den Jockel an und motoren neben der „Eleonore“ her. Die Batterien müssen sowieso geladen werden und der Wassermacher muß auch mal wieder laufen. Der verbraucht viel Strom. Daher tut es gar nicht so weh, den Jockel anzumachen.

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Die Zeit vertreiben wir uns mit Brettspielen „Die Siedler von Catan“ und „Allhambra“. Das wäre auf einem Einrumpf-Boot selbst bei Flaute nicht denkbar. Die Dünung schläft nämlich nicht ein.

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Unsere Angelversuche bleiben erfolglos. Wirklich wundern wir uns aber nicht wirklich, dass es unter Motor mit dem Fischen nicht klappt. In der Nacht kommt wieder ein bisschen Wind. Vielleicht wird die Flaute doch nicht so schlimm, hoffen wir. Zum ersten Mal können wir die Nachtwache im T-Shirt halten.

Tag 9:

Der Wind wird schwächer und schwächer. Am Morgen können wir gerade noch mit dem Spi segeln. Mittags ist es damit jedoch auch vorbei. Wir motoren wieder und lassen den Wassermacher laufen. Die Wassertanks sollten am Abend dann wieder voll sein.

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Die Wetterdaten sind ernüchternd. Erst ab dem 13ten Breitengrad ist später so etwas Ähnliches wie Passatwind zu erwarten. So weit runter? Da sind wir ja noch 3 Tage unterwegs bis wir endlich nach Westen abbiegen können. Und lohnt sich der weite Weg am Ende denn?

Auch müssen wir langsam überlegen, wie wir mit unseren Dieselvorräten umgehen. Wir haben unsere beiden 130 Liter-Tanks und EINEN 20 Liter-Reservekanister. Die Motoren brauchen jeweils rund 2 l/Stunde. Auf gar keinen Fall wollen wir die Tanks zum jetzigen Zeitpunkt leerer fahren als ½ voll. Die letzte bewölkte Woche hat uns gezeigt, dass wir die Motoren bestimmt ab und zu für die Strom-Produktion laufen lassen müssen. Ergo: Wir können jetzt maximal bis morgen früh motoren. Danach werden wir die Diesel abstellen und müssen auf Wind warten.

In der Nacht setzt wieder ein bisschen Wind ein, den wir sofort nutzen wollen. Wir setzen Segel und schleichen dahin. Die Eleonore motort langsam im Standgas weiter und „wartet“ somit etwas auf uns. Sonst hätten sich unsere Wege hier wohl wieder getrennt.

Tag 10:

Gegen Morgen ist der Wind wieder weg. Wir haben in der zweiten Nachthälfte keinen Diesel verbraucht und haben somit noch für ein paar Stunden Reserve. Motor an!

Die JoEmi fühlt sich einsam. Wir stimmen unsere Kurse aufeinander ab und können zur Mittagszeit sagen: „Der Atlantik ist ein Dorf!“. Mehrere Stunden treiben die JoEmi, die Eleonore und die Step By Step 2 gemeinsam auf einer Stelle. Wir machen zusammen Blödsinn, quatschen dummes Zeug und muntern uns gegenseitig auf. Die Elli´s gehen sogar schwimmen. Das hat Anja uns leider verboten. Das Treffen macht Spaß und tut unglaublich gut. Alle sind von der Flaute genervt gewesen.

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Vorne die JoEmi, hinten die Eleonore

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Am Nachmittag findet Oliver in seiner Backskiste ein Segel, dass er noch gar nicht kennt. Er will es ausprobieren, zieht das Ballonsegel hoch, nimmt Fahrt auf und schleicht sich langsam davon. Die Eleonore und wir versuchen zwar mit unseren Parasailor-Segeln dran zu bleiben, schaffen das aber nicht. Der Wind reicht für diesen Typ Segel nicht. Auch Oliver ist Hin und Hergerissen zwischen „Schnell Ankommen wollen“ und „Nähe zu befreundeten Yachten!“ Wir werden die JoEmi jedoch erst in St.Lucia wiedersehen. Am Nachmittag fülle ich noch den Inhalt unseres Reserve-Kanisters in den Backbord-Tank.

Langsam schlagen wir W-Kurs ein. Wie lautet der direkte Kurs auf St.Lucia? Wir wissen, dass man wegen der Erdkrümmung eine Kurve fahren muß, wenn man den kürzesten Weg nehmen will. Aus der Papierkarte entnehmen wir Kurs 274°. Den nehmen wir! Endlich fühlt es sich so an, als würden wir Weg in die richtige Richtung gutmachen. Trotzdem kommen die ersten richtig starken Zweifel, ob die südliche Route denn die Richtige gewesen ist. Hätten wir im Norden bleiben sollen und die kürzeste Route fahren? Geht womöglich am Ende die Diana, die noch viel weiter im Süden ist, an uns vorbei, weil sie den Wind schneller finden?

Tag 11:

Tagsüber hatten wir tatsächlich ein bisschen Wind. Der Wind dreht im Laufe des Tages immer weiter auf südliche Richtungen. Am Nachmittag müssen wir den Spinnaker gegen Groß und Genua tauschen. Kurz nach dem Dunkelwerden gegen 18.30 Uhr knipst dann aber jemand den Schalter aus. Wind aus – Schwell an. Selbst bei uns schaukelt es schrecklich. Langsam nervt´s! Wo ist denn der Passatwind, der stetig mit 20 – 25 kn aus Nordost bläst? Wir leiden gemeinsam mit der Eleonore, die immer noch in unserer Sichtweite ist. Wir freuen uns, wenn wir nachts deren Licht sehen und wissen: „da ist jemand, den wir kennen“.

Die Highlights unserer Tage auf dem Atlantik?

Morgens gegen 9.00 UTC die Wetterdaten via email; Auswertung und Diskussion.

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Mittags gegen 13.00 UTC: wir bekommen von der ARC jeden Tag einen Positions-Report für alle teilnehmenden Schiff. Marco hat ein kleines Programm gebastelt, mit dem wir die Daten grafisch auswerten. So bekommen wir jeden Tag einen Überblick, wo wir uns befinden; Auswertung und Diskussion.

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Abends gegen 18.00 UTC: Mittag essen; Aufessen und Anerkennung an die Küche.

Tag 12:

Von Anjas Schwester haben wir auf Gran Canaria einen Adventskalender mit 24 Tütchen bekommen, die sie und Anjas Mutter liebevoll mit netten Kleinigkeiten gefüllt haben. Ab jetzt gibt es also ein weiteres Tageshighlight.

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Morgens stellen wir mit Erschrecken fest, dass der Kühlschrank nicht mehr läuft. Das ist eine Katastrophe. Wir haben noch so viele verderbliche Waren darin. Mein erster Verdacht „Thermostat“ bestätigt sich nicht. Das hätte man überbrücken können. Es muss was größeres sein. Damit wir an den Kompressor kommen, müssen wir eine Backskiste komplett leer räumen. Gerade als im Salon das Chaos herrscht: Werkzeug fliegt überall herum und die ausgeräumten Vorräte sind irgendwo verteilt, ruft Marco: „FISCH! WIR HABEN EINEN!“ Ausgerechnet jetzt! Ich habe keine Zeit dafür! Es nützt nichts! Das arme Tier hängt am Haken und muss erlöst werden. Ich lasse den Kühlschrank Kühlschrank sein und helfe Marco, einen 40cm langen Bonito an Bord zu holen. Wir wundern uns allerdings, warum der Fisch so wenig Gegenwehr leistet. Als ich versuche, ihn auszunehmen, glauben wir den Grund zu erkennen: Würmer! Der Fang geht nach weiteren Filetier-Versuchen wieder über Bord. Würmer mögen wir nicht essen. Schade!

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Danach widmen wir uns wieder dem Kühlschrank und holen uns „funkärztliche Beratung“ bei der Eleonore. Andrea und Thomas sind beide Elektro-Ingenieure und helfen mit kompetentem Rat. Am Ende scheint es ein Wackelkontakt am Thermofühler des Kompressor-Wärmetauschers zu sein. Auf jeden Fall läuft er wieder. Puuh!

Interessanterweise ist auch bei Sabrina und Oliver auf der JoEmi heute ein Kühlschrank ausgefallen. Die beiden haben aber zwei davon. Außerdem ist deren Wasserpumpe kaputt. Sie bekommen das Wasser nur noch über eine Handpumpe aus den Tanks. Das stellen wir uns sehr ungemütlich vor. Später werden wir dieses Schicksal aus anderen Gründen auch mit Ihnen teilen.

Wo ist der Passatwind?

Tag 13:

Am Morgen haben wir zwei fliegende Fische auf dem Trampolin-Netz. Wir können ihnen aber nicht mehr helfen. Sie sind schon tot.

Endlich kommt Wind auf. In der Nacht noch zaghaft, am Morgen schon kräftiger. Den ganzen Tag zieht uns der Spinnaker. Die Eleonore ist gleich schnell und wir freuen uns, dass wir endlich wieder richtig segeln können.

Um 13.30 Uhr ist Bergfest. Unsere Logge zeigt gefahrene 1520 sm, die Reststrecke beträgt laut unserer Navigation ebenfalls 1520 sm. Jetzt geht es bergab und der Wind soll auch bleiben; sogar stärker werden. Am Abend gönnen wir uns eine kalte Flasche Sekt auf diesen tollen Umstand.

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Sorgen macht uns heute ein klackendes Geräusch, welches bei den seitlichen Schiffbewegungen aus der Richtung des Steuerbord-Ruders zu vernehmen ist. Am Abend stelle ich etwas Lagerspiel zwischen dem Linearantrieb und der Umlenkung auf den Lagerzapfen fest. Das könnte es sein. Nun, das Klacken ist zwar lästig, aber nicht akut besorgnis-erregend.

Tag 14:

Jetzt haben wir zwar ausreichenden Segelwind, aber immer noch keine Sonne. Die Batterien sind am unteren Limit. Es reicht immer so gerade für eine Nacht. Wir bekommen nicht genug Energie herein, damit wir sorglos den Inverter für die Laptops und alle anderen elektronischen Spielgeräte betreiben können und müssen extrem haushalten. Wassermacher, Brotbackmaschine? Kein Denken dran! Das haben wir uns bei der Planung ganz anders vorgestellt. Robin ist gar nicht begeistert. Sein Laptop ist Hörbuch-Lautsprecher, Spielekonsole und Musikbox in einem. Nur noch 1-2 Stunden am Tag kann er ihn nutzen.

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Am Abend wollen wir für die Nacht die Segel reffen. Bei dem Manöver verfängt sich eine Leine des Großsegels in unserem Windgenerator. Nichts geht mehr! Hektik kommt auf. Es wird langsam dunkel und wir müssen unbedingt diese Leine freibekommen. Ansonsten müssen wir womöglich die ganze Nacht mit manövrierunfähigen Segel gegen den mittlerweile kräftigen Wind motoren. Das wäre zurück – in die falsche Richtung. Das Segel würde die Nacht bestimmt auch nicht überleben. Außerdem laufen wir Gefahr die empfindlichen Rotorblätter des Generators zu zerstören. Es ist sehr schwierig, weil der Generator auf einem 3,5 Meter hohen Mast montiert ist. Wir kommen kaum heran. Am Ende schafft Marco es und wir können das Segel wieder durchsetzen. Glück gehabt. Das nächste Mal werden wir: 1. Früher reffen und 2. Den Windgenerator wieder ausschalten, bevor wir das Großsegel setzen, bergen oder reffen. Das habe ich früher immer gemacht, irgendwann aber aus Bequemlichkeit aufgegeben.

Die Ortszeit ist mittlerweile UTC -3 Stunden, also 4 Stunden hinter deutscher Zeit. Wir passen den Wachplan und das Bordleben jetzt langsam an. Man stelle sich vor, wir erreichen St. Lucia nach 3 Wochen Reisezeit und haben mit Jet-Lag zu kämpfen. 🙂

[ssba]

1 Kommentar

  • Annika

    18. Dezember 2016 at 20:31 Antworten

    Uih… Woche 2 klingt sehr turbulent (trotz Flaute)…

    Das Papa tatsächlich versucht hat der Fisch auszunehmen – Respekt! DAS hätte ich dir niemals zugetraut! 😉

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